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Schreiber vs. Schneider

Strom verleiht Flügel

17. Juni 2019

Schreiber: Mein alter Drahtesel hat 32 Jahre auf den Felgen. Ein tolles Velo, das mich weit gebracht hat. Doch es knarzt und ächzt jetzt, Reparaturen nützen nichts mehr, es schafft nur noch Kurzstrecken.

Ich würde aber gerne wieder mal weiter weg radeln. Und da wir zwischen Hügeln wohnen, wärs doch gut, mit Saft unterm Sattel bei Emporfahrten nachzuhelfen. 

Ohne Schneider einzuweihen, denn er ist weder leidenschaftlicher Velofahrer noch jemand, der sich beim Sporteln helfen lassen will, fahre ich mit dem Zug ein paar Dörfer weiter zum Velohändler und verliebe mich vom Fleck weg: dunkelrot, potent, gefedert. 

«… dann muss ich ihn wohl schubsen.»

 

Kostet zwar eine Stange Geld, aber hallo, ich fahre sei 1987 dasselbe Fahrrad, da darf mein zweites seinen Preis haben. 

Ich bin spontan, Rabatt und einen Fahrradkorb gibts obendrauf und zurück nach Hause bringt mich kein Zug, sondern mein brandneues Stromvelo.

Unterwegs denke ich daran, wie formidabel es wäre, könnte Schneider an meinem herrlichen Lebensgefühl teilhaben.

Daheim freut er sich für mich und meinen neuen Gefährten. Als ich anklinge, dass er doch vielleicht auch ..., winkt er aber ab, er brauche keinen Schub.

Nun, mein Lieber, dann muss ich dich wohl schubsen. 


Schneider: Bin in unserem Atelier im Schreiben versunken, als das Telefon klingelt. Die Uhr zeigt fünf vor zwölf, es ist Schreiber, sie sagt: «Überraschung! Ich hol dich gleich mit dem Auto ab.» Aha. Donnerstags sind wir jeweils allein über Mittag und Schreiber will mich ausführen. Schön.

Zwanzig Minuten später sitze ich aber nicht im Restaurant, sondern auf einem E-Bike und pedale einen Steilhang hinauf.

Auf dem Weg ins Velogeschäft hatte sie mich vollgeplaudert: «Alles ausverkauft – Riesenzufall, dass noch eines da ist – musst du testen!»

«Schön, sie will mich wohl ausführen.»

 

Ich drücke mit dem Daumen zusätzliche Batterieunterstützung hinzu, jetzt fährt es sich noch leichter: nicht schlecht. 

Als ich nach der Probefahrt zum Veloladen zurückkehre, fachsimpelt Schreiber grad mit dem Händler über Radgrössen und Reichweite. Ich sage: «Ist der Rahmen nicht zu klein?»
Der Mann schüttelt den Kopf, Schreiber sagt: «Du siehst klasse aus», und will wissen, wie’s war.

«Ganz gut, aber eigentlich brauch’ ich kein E-Bike.»

Sie: «Ich wusste, dass du ausflippst.»

Ist «ganz gut» ausflippen? 

Dann umarmt sie mich und sagt: «Den schenk’ ich dir zum Geburtstag.» «Mir?» «Ja. Ich will schliesslich nicht alleine Radtouren unternehmen.»