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Schreiber vs. Schneider

Supernonna

03. Juni 2019

Schneider: Ausflüge zu viert werden seltener. Zaubermaus und Piccolina sind passé, heute sind sie Teenager, die Töchter, die an Sonntagen nicht unbedingt Lust haben, mit ihren Eltern durch den Wald zu wandern. Aber als ich vorschlage, in mein Heimatdorf zu spazieren, zum Grab meiner Mutter, ihrer Nonna, sind sie dabei.

Schön.

In Gedanken bin ich jeden Tag bei meiner Mutter. Als sie noch lebte, war ich das nicht. 

«Man sollte nicht mit Worten geizen.»

 


Wir kommen gut vorwärts und ich freue mich, dass unsere Töchter ohne ein einziges «muss das sein?» mitmachen.

Meine drei Frauen, Schreiber ist natürlich auch dabei, schlendern im sattgrünen Wald vor mir, alle drei untergehakt, ich höre sie reden und lachen, und da übermannt es mich: so viel Glück. 

Ich schlucke. Dann schiesse ich ein Foto von ihnen und dann eines nach oben in die Baumkronen. Durch das Laub sind kleine Himmelsflecken zu sehen.

Was wäre das schön, meiner Mutter sagen zu können, wie viel sie uns gegeben hat.

Aber dafür ist es zu spät. Man sollte mit Worten nicht geizen, solange jemand lebt.

Da bellt Lilla an der Leine. Ein Reh im Unterholz? Sehen kann ich nichts. Doch Lilla bellt weiter ins Grün hinein. Und nun wedelt sie auch noch mit dem Schwanz.

Mamma?


Schreiber: Es war Schneiders Idee, und sie kam gut an. Ein langer Spaziergang zum Grab seiner Mutter. Ich habe einen Rucksack gepackt, worüber Schneider ausnahmsweise keine dummen Sprüche machte. Habe auch was für seine Mutter dabei: eine Vase, die wir mit einem Wiesenstrauss bestücken werden. 

Unterwegs reden die Mädchen über ihre Nonna. «Ihre Umarmung war immer so weich und warm.» – «Sie war nie streng» – «Sie wollte immer wissen, wie es uns geht.» – «Wir durften immer fernsehen, weil das bei uns daheim ja nicht ging.» – «Ihre Lasagne! So lecker!» 

Sie schwärmen. 

«Eine gute Nonna werden wär schön.»

 

«Weisst du, Nonna war kein einziges Mal streng oder vorwurfsvoll», sagt nun unsere jüngere Tochter zu mir, «meinst du, dass du auch mal so eine Nonna werden kannst?»

Ich lächle. Vielleicht sollte ich grad mit dem Training beginnen und sage: «Nach der Wanderung lade ich euch alle zu einem Erdbeercoupe ein.» Diese Idee könnte von Nonna sein.

Ich blicke zurück, unser Hund bellt, Schneider fotografiert den Himmel durchs Laub. 

Mit ihm ein richtig lockeres, liebes, lustiges Grosselternpaar zu werden, das wär’ schon was. Ich umarme unsere Töchter und sage: «Aber lasst euch noch etwas Zeit, ich muss noch ein Weilchen üben.»