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Schreiber vs. Schneider

Unbunt

13. Mai 2019

Schreiber: Jetzt ist es draussen! Mir sind die silbrigen Haare an meinem Scheitel schon länger aufgefallen. Sie kamen aus dem Nichts, innerhalb von Wochen. Und mit ihrem spontanen Wuchs tauchten auch die Fragen auf: Macht es mich alt? Stört mich das Grau? Und: Stört sich Schneider daran? Keine Ahnung. Er sagt ja nichts. Darum bin ich froh, dass meine Tochter meinen Farbwechsel derart locker thematisiert. Genau so sollte man übers Älterwerden reden: frisch von der Leber weg. Ich probier das grad mal aus und sage möglichst überzeugend: «Färben? Nein, ich lasse meine Haare machen, was sie wollen.» Dass ich vor ein paar Tagen daran gedacht habe, diesen weissen Wirbel mit blonden Strähnen wegzuschummeln, behalte ich für mich.

«Es geht ja um Liebe, nicht um Haarfarbe.»

 

Schade, bin ich nicht so selbstbewusst wie meine Freundin, die ihre grauen Haare ohne künstlichen Ton trägt und toll aussieht.

Schneider hat sich immer noch nicht zum Thema geäussert. Ich versuche ihn aus seiner Sprachlosigkeit zu befreien und sage: «Übrigens liebe ich deine grauen Haare, vor allem die auf der Brust.»

Die Mädels brüllen: «Mama! Nein!»

Aber Schneider grinst und zwinkert mir zärtlich zu. Genau das ist das Gegenmittel gegen Grau: Humor.


Schneider: Sie sind mir erst kürzlich aufgefallen. Ich wollte etwas sagen, aber da klingelte das Telefon und Schreiber ging ran. Seither habe ich noch ein paar Mal hingeschaut, aber der Zeitpunkt, um mich dazu zu äussern, passte nie. Muss ja auch nicht sein. Gehören irgendwann einfach dazu. Und bei mir spriesst es ja nicht mal mehr grau. Ist ja auch nicht so wichtig, es geht um Liebe und nicht um die Haarfarbe, die jetzt, ja wie nennt man diesen Ton eigentlich genau? Unbunt?

«Mama, du hast total graue Haare am Ansatz!», ruft unsere Tochter beim Frühstück. «Die sieht man jetzt grad richtig gut. Krass!»

Schreiber schluckt, dann lacht sie etwas wacklig und meint: «Ja, die sind ganz schnell gekommen, schwupps. Stört es euch?»

«Bestes Gegenmittel gegen Grau? Humor.»

 

Unsere Töchter schütteln den Kopf, ich auch, dann blickt Schreiber zu mir: «Dass du nie was gesagt hast? Ich dachte schon, du traust dich nicht, mit mir darüber zu reden, dass ich jetzt grau werde. Ist ja nicht zu übersehen.» Ohne Pause fährt sie fort: «Bitte, wenn dich an mir etwas irritiert, dann sprich darüber. Sonst verunsichert mich das. Nichts zu sagen finde ich nämlich richtig doof.»

Nun, dann sage ich jetzt etwas.

Und besser ganz schnell.

Bloss, was?