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Schreiber vs. Schneider

Verkehrte Welt

04. März 2019

Schneider: Werden die Kinder Teenager, leert sich das Haus. Daran muss ich mich gewöhnen. Dass sie lieber unterwegs sind als daheim, dass sie lieber mit Freundinnen zusammen sind als mit den Eltern – ich kanns ja verstehen.

Zumindest ein wenig.

Physik und Mathe machen mir Spass.

 

Ich sitze auf dem Sofa in der Stube, lausche der Stille und erinnere mich. So viel Zeit habe ich früher damit verbracht, auf diesem Sofa Bilderbücher mit den Mädchen anzuschauen und ihnen die Welt zu erklären, als wilder Löwe auf dem Holzboden herumzustreifen, der laut brüllend seine Beute jagt, Geschichten vom Regenwurm Max zu erfinden und mit der Autorennbahn zu spielen, die ich allerdings nicht nur für meine Töchter, sondern auch ein wenig für mich gekauft hatte.

Diese Zeiten sind vorbei. Wenn ich heute mit meinen Mädchen rangeln will, lehnen sie dankend ab. Ich vergesse eben manchmal, dass sie keine Kinder mehr sind und gewisse Dinge nicht mehr lustig finden.

Zum Glück gibt es noch die Schule. Auf die ist Verlass, denn dank der Lehrer und Lehrerinnen habe ich immerhin mit meiner 14-Jährigen regelmässig ein Rendez-vous. Meist am Küchentisch. Ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass mir Physik und Mathe jemals so viel Spass bereiten würden!


Schreiber: Es ist toll, wie Schneider mit unseren Töchtern immer noch eine Welt teilt. Diese besteht aus Formeln und für mich unmöglich zu verstehenden Satzaufgaben, manchmal auch aus französischer Grammatik.

Ich beobachte Schneider, wie er mit Ida am Küchentisch sitzt. Es ist nicht zu übersehen, dass Schneider mal Lehrer war.

Die beiden brüten so konzentriert über dem Stoff, dass fast ihre Köpfe rauchen. Zwischendurch unterhalten sie sich, aber ich verstehe nicht mal Bruchstücke. Dann sagt unsere Tochter: «Vielen Dank, Papa, das war klasse, ich glaube, ich habe es jetzt verstanden.» Sie rafft fröhlich die Arbeitsblätter und Notizen zusammen, die den gesamten Tisch übersäen, und geht nach oben in ihr Zimmer. Schneider blickt glücklich lächelnd zu mir herüber.

Ich bin echt froh, dass er mit ihr lernt.

 

«Bin echt froh, dass du mit Ida lernst», sage ich zu ihm.

«Ja, macht mir auch total viel Spass», antwortet er.

«Weisst du», sage ich, «ich könnte das nie. Mathe ist so etwas von kompliziert. Zum Glück kapierst du das alles.»

Schneider sagt: «Ich kapiere schon seit einer Weile nichts mehr.»

Ich stutze: «Dann hilfst du ihr gar nicht?»

Er lächelt: «Ich lasse mir von ihr alles erklären. So lernt sie den Stoff. Und ich etwas dazu.»