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Schreiber vs. Schneider

Vollkommen unperfekt

09. September 2019

Schreiber: Ja, ich würde wieder «Ja» sagen. Das fällt mir ein, als ich mich an unseren Hochzeitstag erinnere. Meistens verpassen wir ihn knapp, im Sinn von: «Du, sag mal, haben wir nicht bald mal Hochzeitstag?»

Wir sind da locker, aber diesmal tatsächlich pünktlich. Der spontane Plan: Schneider und ich fahren am Nachmittag mit aufblasbaren Wasserbrettern flussabwärts, unsere Mädels kommen mit unseren Kleidern im Zug nach, abends gehen wir dann schick essen.

Den Tisch reserviere ich, dann lassen wir uns treiben: Ich liege auf meinem Brett, blinzle in den Himmel und bade in Dankbarkeit. Das Wasser funkelt wie tausend erfüllte Wünsche.

Als wir am Ziel eintreffen, falle ich in den Fluss, Schneider auch, wir schaffen den Ausstieg nur knapp, lassen den Brettern die Luft raus, die Mädels kommen. Ich suche nach den Schuhen, finde aber nichts in der Tüte. Sind wohl vergessen gegangen.

Na, dann halt oben elegant und unten wieder die nassen Badelatschen. Diese schmatzen bei jedem Schritt auf dem Weg zum Dinner.

Die Taschen sind sehr schwer, das Ruder sperrig, Schneider ist schneller. Als er vor dem Restaurant steht und seltsam guckt, ahne ich, dass dieser Hochzeitstag immer mehr bachab geht.

Schneider: Das Schild an der Lokaltüre verkündet Betriebsferien.

Schreiber sagt: «Ich habe per E-Mail reserviert!»

Früher hat man angerufen, da wäre das nicht passiert.

Unsere Töchter jaulen. Neuer Plan. Wir marschieren durchs Städtchen auf der Suche nach einem Restaurant, das unserem Festtag gerecht wird.

Schreiber hinterlässt mit ihren Badelatschen nasse Spuren, als wir endlich fündig werden. Wir deponieren die zusammengefalteten SUPs am Eingang, unsere Töchter, richtige Glamourgirls, treten zuerst ein. Ich folge ihnen, immerhin ganz brauchbar gekleidet. Schreiber als Schlusslicht ist der perfekte Stilbruch: oben ein kleines Schwarzes, unten nun nur noch barfuss, die tropfenden Schlappen in der Hand.

Egal. Wir bestellen drauflos, haben Heisshunger. Als die Vorspeisen kommen und sich auf den Tellern türmen, sagt Schreiber: «Den Hauptgang schaffen wir nie!»

So ist es auch: Wir verlassen mit vollen Bäuchen, zumindest ich, das Restaurant samt Tüten mit Restessen, zerren die Brettertaschen zum Bahnhof, die Mädels singen und Schreiber strahlt: «Ein grandioser Hochzeitstag. Völlig unperfekt. Genau wie wir!»

«Ja», sage ich, und wiederhole: «Ja!», was doch perfekt zu einem Hochzeitstag passt.