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In den letzten Wochen ging es liebesmässig in meinem Freundeskreis ziemlich hoch zu und her. Es wurde gemotzt, gestritten und getrennt. Im Gegensatz dazu flatterten bei einigen die Schmetterlinge im Bauch ziemlich heftig.

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Heiner H. Schmitt
26. Februar 2018

Silvia Aeschbach, Buchautorin und Journalistin


Wenn man, so wie ich, in einer langjährigen Beziehung ist, sitzt man quasi im Zuschauerraum, während auf der grossen Leinwand andere die grossen Gefühle zelebrieren. Einerseits bin ich in solchen Fällen ziemlich froh um eine gewisse Distanz, denn ich weiss natürlich auch, wie anstrengend solche zwischenmenschlichen Ups and Downs sein können. Andererseits würde es mir durchaus gefallen, wieder mal ein paar dieser Flatterer zu spüren. Trotzdem bin ich überzeugt, mit meinem Mann das grosse Los gezogen zu haben.

Natürlich könnte ich ihn immer wieder mal in die Wüste schicken. Nein, nicht in die Wüste, das ist mir doch zu weit entfernt. Aber er nervt mich einfach, wenn er mir unbedingt den Unterschied zwischen einem Hubkolben- und einem Wankelmotor erklären will. Oder wenn ich ihm etwas ganz Wichtiges erzählen will und er dazu nur abwesend nickt (GöschenenAirolo-Syndrom). Oder wenn er stundenlang seine Americana-Lieblingsmusik hört und dazu in seine tiefschwarzen Krimis abtaucht, während ich alltägliche Banalitäten mit ihm besprechen möchte, etwa die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, unserem Hund Louis wieder mal einen Haarschnitt zu verpassen.

Aber ehrlich gesagt, viel mehr fällt mir auch nicht ein, wenn es darum geht, Dinge aufzuzählen, die mich an ihm nerven. Auch ist er nicht geizig mit Komplimenten. Oder kennen Sie einen Mann, der stolz erzählt, dass seine Liebste absolut top sei, wenn es darum geht, das Auto seitwärts in die kleinste Lücke zu parkieren? Oder immer findet, ich sei eine coole Frau, obwohl er mich in den letzten 22 Jahren mit allen möglichen seelischen Einbrüchen, von Panikattacken bis hin zu Verlustängsten, erlebt hat.

Ich bin überzeugt, dass Toleranz, Respekt und Vertrauen die Grundlage einer guten Beziehung sind. Das ist in der Liebe nicht anders als in einer Freundschaft. Natürlich wird die Liebesbeziehung noch mit ein paar aufregenden Zugaben gewürzt, aber auch die grösste Verliebtheit schwindet leider mit der Zeit. Darum bin ich froh, dass mein Mann auch mein Freund ist und zwar mein bester.

Sie finden es ein bisschen langweilig, wenn man am liebsten mit diesem speziellen Menschen zusammen ist und zwar jeden Tag und jede Nacht? Wenn man über die gleichen Dinge lachen kann? Wenn er einem fehlt, selbst wenn er nur für ein paar Tage nicht zu Hause ist? Wenn man sich freut, ihn zu sehen, wenn die Türe aufgeht selbst wenn die eigene Freude nicht so augenfällig ist wie jene unserer zwei Hunde?
Und, wohl das Wichtigste: Wenn man sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen möchte?

Bitte, dann bin ich gerne gelangweilt. So richtig glücklich gelangweilt, wenn Sie wissen, was ich meine.