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Silvia Aeschbach

Geniesse den Genuss

24. Dezember 2018

«Schreib doch etwas Besinnliches über Weihnachten», hatte mir mein netter Kollege geschrieben. Martin ist Ressortleiter bei der Coopzeitung und hat, unter vielem anderen, das (zweifelhafte) Vergnügen, meine wöchentlichen Kolumnen gegenzulesen. Sein Wunsch war mir Befehl, und als ich nach Mitternacht in meinem kuschligen Bett lag, begann ich über mögliche Themen nachzudenken. Denn so spät in der Nacht fühle ich mich jeweils tiefenentspannt. Dann habe ich das Gefühl, die Welt gehöre mir, weil sie so still und friedlich ist. Hin und wieder habe ich dann auch wirklich eine Idee. Aber dieses Mal kam mir nichts Gescheites zum Thema in den Sinn, über das nicht schon Hunderte Mal geschrieben worden wäre.

Weil es mir gerade so vögeliwohl war, begann ich über einen Ausspruch zu sinnieren, den ich immer wieder höre und lese. Und der perfekt zu meiner wohligen Situation passte: «Geniesse jeden Moment deines Lebens, als ob es der letzte wäre.» Ein Satz, der in diesem Moment perfekt für mich stimmte. Allgemein halte ich nichts von solchen Kalendersprüchen, denn sie sind meist realitätsfremd.

Natürlich verstehe ich die Aussage: Man sollte versuchen, nonstop so bewusst wie möglich zu leben. Aber ehrlich, wenn ich meinen anstrengenden Alltag so anschaue, dann kann ich vielleicht zehn Prozent meiner Zeit unter Genuss abbuchen. Oder finden Sie es besonders vergnüglich, den Müll rauszutragen, Rechnungen zu zahlen, dreckiges Geschirr abzuwaschen, aufzuräumen oder die Staubmäuse unter dem Sofa hervorzulocken? Ja, ich weiss, auch diesen Pflichten sollte man – ginge es nach der ach so trendigen und stetig wachsenden Achtsamkeitsbewegung – ebenfalls freudig und mit Hingabe erledigen. Kompliment, wer es schafft, während des Kloputzens vor sich hin zu meditieren, ganz im Sinne der Achtsamen: «Ich bin ganz bei mir und liebe es, tiefenentspannt und bei vollstem Bewusstsein meine WC-Schüssel hygienisch rein zu schrubben.»

Ich jedenfalls bin froh, wenn ich meine Alltagspflichten erledigt habe und mich den wahren Genüssen des Lebens hingeben kann. Die da wären: lesen, schreiben, reisen, Filme schauen, träumen, in der Natur sein, schmusen, essen, schlafen, quatschen, faulenzen und vieles mehr. Sie sehen: Das sind ziemlich viele Lieblingsbeschäftigungen für einen vollen Arbeitsalltag.

Meine Weihnachtsbotschaft lautet also: Geniessen Sie die gemeinsame, hoffentlich stresslose Zeit mit Familie und Freunden, aber machen Sie sich ja nicht zu viel Druck, um den perfekten Weihnachtsbaum, die perfekten Geschenke und die perfekte Gans hinzukriegen. Dafür möchte ich Sie ermutigen – falls Sie überhaupt Vorsätze fassen –, sich konkret zu überlegen, wie Sie sich im neuen Jahr möglichst viele persönliche Freiheiten schaffen können. Frei nach dem Motto: «Geniesse den Genuss, und das so oft wie möglich!»