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Silvia Aeschbach

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10. Dezember 2018

«Wer an einem Weg baut, findet viele Experten», sagte schon der deutsche Theologe Martin Luther vor 500 Jahren. Der Reformator hatte diesbezüglich einen guten Riecher. Gab es scheinbar schon vor einem halben Jahrtausend viele Ratgeber, so sind es heute unzählige, die uns sagen, was wir tun und lassen sollten.

Ob es um das ideale Detox-Programm geht, um meinen müden Darm wieder in Schwung zu bringen, den perfekten Lifestyle, der mich unglaublich glücklich macht, die schmeichelnde Haarfarbe und das raffinierte Augen-Make-up, die mich zehn Jahre jünger aussehen lassen, die optimale und günstigste Krankenkasse, die weltweit beste Lomi-Lomi-Masseurin oder darum, wie ich mich perfekt präsentiere, damit mir der neue Job sicher ist, wie ich mein Lampenfieber bei Auftritten überwinde, wie ich dem Hund in drei Minuten abgewöhne, den Pöstler anzubellen und einen doppelten Salto aus dem Stand zu springen und wie ich meinen Abfall möglichst umweltgerecht entsorge … Nicht zu vergessen die spirituellen Berater, die meine optimalen Planetenkonstellationen berechnen, damit sich meine Chancen auf den Lottogewinn um das Tausendfache erhöhen und als Zugabe noch meine Chakren ins Gleichgewicht bringen. Om!

Natürlich ist die Aufzählung der Themenbereiche, für die man einen Experten, Spezialisten oder Berater zu benötigen scheint, unvollständig. Und das Beste: Es braucht bei Entscheidungen heute nicht einmal ein menschliches Wesen. Die App auf dem Handy sagt mir, wann der beste Zeitpunkt wäre, um ins Bett zu gehen, wie mein optimaler Schlafrhythmus aussieht, wann ich intellektuell am leistungsfähigsten bin und wann ich Sport machen sollte. Und natürlich auch, wann der beste Zeitpunkt ist, um zu verhüten oder ein Baby zu bekommen.

Ob virtuell oder im menschlichen Kontakt: Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, es wäre an der Zeit, sich auf die eigene Entscheidungsfähigkeit und auf die persönlichen Instinkte zu verlassen, statt sich in die Hände von anderen zu begeben? Geht es doch Beratern manchmal weniger ums Helfen als um ihren Hang zur Selbstdarstellung.

In Zeiten des Optimierens der eigenen Persönlichkeit kenne ich natürlich auch den Wunsch nach Perfektion. Und ich bin durchaus dankbar, wenn mir Kollegen oder Freunde auf meine Nachfrage gute Tipps geben. Denn die Zahl der Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen, erhöht sich ständig, und die Zeit, diese zu treffen, wird im alltäglichen Stress immer kürzer. Und so fühle ich mich in gewissen Bereichen des Lebens manchmal schlicht überfordert. Beispielsweise wenn es darum geht, eine gute Adresse für eine Nackenmassage zu bekommen. Ob dieser gerühmte Therapeut dann allerdings auch gut und richtig für mich ist, das muss ich selber spüren. Und das nimmt mir zum Glück noch kein Experte und keine Expertin ab.