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Silvia Aeschbach

Handeln statt träumen

17. Dezember 2018

Wenn ich an dieser Stelle schreibe, dass ich meistens versuche, ein anständiges Leben zu führen, bei dem sich nicht zu viele Leichen in meinem Keller ansammeln, will ich nicht eingebildet klingen. Ja, gewisse Werte wie Anstand, Nächstenliebe und Respekt sind mir durchaus wichtig. Andererseits handle ich auch aus einem gewissen Egoismus heraus, weil man nun einmal mit einem guten Gewissen besser schläft. Und wir alle ja wissen, dass der gute Schlaf mit zunehmendem Alter immer wichtiger wird.

Es fällt mir allerdings nicht immer leicht, den Vorsatz auch in die Tat umzusetzen. Denn erlebe ich im Alltag Ungerechtigkeiten oder Grausamkeiten, werde ich zwar innerlich zur Furie und könnte den Übeltätern sprichwörtlich den Hals umdrehen. Aber da mir jede Form von Aggression und Gewalt zuwider ist und mir auch Angst macht, schweige ich dann oft oder schaue – mit schlechtem Gewissen – weg. Obwohl ich mich dann über mich und meine Feigheit ärgere. Solche Erlebnisse führen dann nicht selten dazu, dass ich diese in meinen nächtlichen Träumen verarbeite. Und dort werde ich als eine Art weiblicher Robin Hood zur Rächerin der Schwachen. Das ist durchaus edel und gut. Aber wäre es nicht viel edler, wenn man im Alltag in solchen Situationen eingreifen würde, anstatt von Gerechtigkeit zu träumen?

«Mach aus deinem Herzen keine Mördergrube!» Diesen Satz hörte ich früher öfters als eine Art Ermutigung. Dies, weil ich ein scheues und stilles Mädchen war, dem es wichtig war, immer lieb zu sein und nicht negativ aufzufallen. Und diese Redewendung bedeutet ja, dass man frei heraus sagen sollte, was man denkt und fühlt. Und auch handeln sollte, wenn man das Gefühl hat, dass es nötig wäre. Denn durch das Zurückhalten «dunkler» Gedanken und dem Negieren eigener Überzeugungen könnte das Herz eben, bildlich gesprochen, zu einer Mördergrube und so zu einem unterirdischen Schlupfwinkel werden.

Und Alltagssituationen gibt es durchaus genug, um dies zu «üben». Sei es, wenn während einer Zugfahrt spätabends ein dunkelhäutiges Mädchen von einer Horde Jungs angemacht wird. Wenn der sichtlich ungeduldige Banker im edlen Tweed seinem Hund einen Fusstritt gibt, weil dieser noch ein bisschen schnüffeln will. Oder wenn ein Junkie in der City angerempelt wird und sein leerer Becher, den er zum Betteln benutzt, von betrunkenen Jugendlichen als Fussball benutzt wird.

Ich weiss, dass es nicht einfach ist, Zivilcourage zu zeigen. Vor allem nicht in unserem hektischen Alltag, wo es manchmal durchaus schwierig ist, schnell zu entscheiden, wann dies Sinn macht, oder wann es zu gefährlich ist, selber aktiv einzugreifen. Aber manchmal ist das auch nicht nötig, es würde schon genügen, selbstbewusst aufzutreten und/oder andere Passanten auf die Situation aufmerksam zu machen. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, mein Herz zu einer Mördergrube zu machen. Und gut schlafen will ich auch in Zukunft.