X

Beliebte Themen

Silvia Aeschbach

Hörst du schon Klassik?

03. Dezember 2018

Kürzlich war ich bei Jasna im Salon. Sie ist nicht nur eine 1A-Frisörin, sondern auch eine gute Freundin. Dies trotz der zwanzig Jahre Altersunterschied, die uns trennen. Aber an diesem Nachmittag stand unsere Freundschaft für geschätzte zehn Sekunden auf der Kippe. Nicht weil sie meine Haare verschnitten hätte. Nein, die waren tipptopp. Aber einige Minuten bevor sie «ihr Werk» beendete, lief im Radio «Something Just Like This» von The Chainsmokers & Coldplay: Rockpop vom Feinsten. Ich summte mit, beschwingt vom Sound und der Tatsache, dass mein grauer Ansatz einem hellen Blond gewichen war. Jasna schaute mich plötzlich von der Seite her an und fragte: «Was für Musik hörst du eigentlich gerne? Klassik?»

Hä? Ich glaubte mich verhört zu haben. Nicht, dass ich etwas gegen klassische Musik hätte – ich bin mit einem Vater aufgewachsen, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, nach getaner Arbeit den Plattenspieler anzuwerfen und gemütlich in seinem Sessel sitzend das Klavierkonzert von Tschaikowski zu dirigieren.

Fast etwas trotzig sagte ich: «Mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Momentan höre ich gern Eminem.» Jetzt war es an Jasna, mich verwundert anzuschauen. «Eminem, der Rapper? Echt jetzt?» Ich blaffte zurück: «Kennst du etwa einen Tenor, der so heisst?» Jasna schaute noch verdutzter. Aha, dachte ich etwas schadenfreudig, sie weiss wahrscheinlich nicht, was ein Tenor ist.Und da fiel bei mir der Groschen: Ich bin für Jasna ein älteres Semester. Daran änderte sich auch nichts, dass wir als Freundinnen über alles quatschen. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass wir uns altersunabhängig verstanden. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich wolle einen auf Berufsjugendliche machen. Ich weiss gewisse Dinge des Älterwerdens durchaus zu schätzen, aber meine Gefühle haben sich nicht verändert, nur weil ich älter geworden bin. Vielleicht bin ich etwas überlegter und weniger naiv. Aber sonst? Ich bin meist für jeden Unsinn zu haben und wünsche mir immer noch, die Welt zu erobern. Und ich interessiere mich immer noch für Literatur, Filme, Tiere, Trends, Musik und ja, auch Männer. Darum ist für mich das Alter einfach eine Zahl. Ja, manchmal habe ich weniger Energie. Und ich bin ungeduldiger geworden, wenn ich mit Schwachköpfen und Ignoranten zu tun habe. Ich will keine Zeit verlieren mit Menschen, die mich verletzen oder mir nicht guttun. Und ich stehe aktiv für Dinge ein, die mir wichtig sind: Selbst-, Nächsten- und Tierliebe. Kurz, mir ist es wichtig, ein verantwortliches Leben zu leben. Aber das Fühlen, Sehnen, Trauern und Glücklichsein: ehrlich, das fühlt sich genauso an wie mit 7, 17, 37, 57 … und hoffentlich mit 77.

Zuerst wollte ich mich Jasna erklären. Aber ich habe es nicht gemacht. Sie hätte es zwar versucht, aber richtig nachvollziehen wird sie diesen Prozess (hoffentlich) erst können, wenn sie älter wird. Und das ist gut so. Denn die wichtigsten Erfahrungen im Leben muss man bekanntlich selbst machen.