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Silvia Aeschbach

(Kein) Feuer im Dach

01. April 2019

2018 wird nicht als wirklich tolles Jahr in meine Vita eingehen. Ich halte es diesbezüglich mit Queen Elizabeth II., die in einer öffentlichen Rückschau auf das Jahr 1992 bilanzierte: «It was an annus horribilis.» Nein, ich hatte keine rothaarige Schwiegertochter, die sich in den Ferien auf einem Liegestuhl räkelnd die Zehen von ihrem Liebhaber ablecken liess, während Paparazzi in den Büschen hockten. Auch keine Zweite, die sich in ihrer Biografie «True Story» über ihren Ehemann Charles ausliess. Und auch keinen verheirateten Sohn, dessen äusserst intime Telefonate mit seiner Geliebten publik wurden. Und bei mir war auch kein Feuer im Dach, so wie bei Ihrer Majestät, als am Ende ihres Horrorjahres auch noch grosse Teile von Windsor Castle abbrannten.

Ganz im Gegenteil: Bei mir war der Ofen ziemlich aus. Während sich meine Freunde bei 35 Grad in den Badis und im See abkühlten, musste ich mehrere Wochen Bettruhe pflegen. Auch wenn ich mich freute, wenn sich mein Umfeld um mich kümmerte, am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich allein war. Und ich mich meinem riesigen Schlafbedürfnis hingeben konnte. Dies war eine neue und ungewohnte Erfahrung für mich, da ich normalerweise ein sehr sozialer Mensch bin.

Ich lag also in meinem abgedunkelten Zimmer, während draussen gleissender Sonnenschein herrschte, und ich musste mich zum ersten Mal mit meiner fehlenden Energie auseinandersetzen. Natürlich kannte ich kurze Phasen von Schlappheit, zum Beispiel nach sehr anstrengenden Arbeitstagen, wenn ich jeweils klagte: «Ich habe einfach keine Kraft mehr, jetzt noch ins Kino zu gehen.» Aber die Erschöpfung, die ich letztes Jahr fühlte, war unvergleichlich anders.

Es dauerte einige Wochen, bis ich (fast) wieder die Alte war. Dass ich mich während dieser Zeit allerdings etwas verändert hatte, merkte ich erst nach einer gewissen Zeit. Ja, ich nahm mir immer noch die Zeit, gewisse Sorgen und Nöte meines Umfeldes anzuhören, aber nach dem dritten oder vierten Mal der gleichen (Liebeskummer-)Story schaltete ich automatisch aus. Nicht, weil ich kein Verständnis dafür gehabt hätte – ich weiss aus eigenem Erleben, dass es nötig ist, manche Dinge wiederzukäuen, bevor man sie endlich ausspucken kann. Nein, was mich störte, war, dass sich einige der Klagenden in ihrer Opferrolle äusserst wohlzufühlen schienen. Und das führte dazu, dass ich keine Lust mehr hatte, meine kostbare Energie zu vergeuden. Ich brauchte sie nämlich für mich.

Heute unterstütze ich andere immer noch gerne. Weil es nicht nur meinem Gegenüber hilft, sondern auch ich etwas lernen kann. Und das Ganze ja keine Einbahnstrasse ist und auch ich auf meine Freunde zählen kann. Einzelne Bekanntschaften haben meinen Rückzug nicht überlebt. Aber ich habe durchaus auch Verständnis für meinen neuen «Egoismus» erlebt. Vielleicht, weil auch andere Menschen spüren, dass das Reservoir an eigener Energie nicht unerschöpflich ist, und dass es ratsam ist, sich dessen bewusst zu sein.

Die Queen hat 1992 überlebt und ist heute als 92-Jährige energetisch ziemlich gut unterwegs. Und auch ich bin gut auf dem Weg in diese Richtung.