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Silvia Aeschbach

Das Glück ist eine launische Diva

29. April 2019

«So fangen Sie Ihr Glück ein!», las ich kürzlich in einem Frauenmagazin. Obwohl ich mir bewusst war, dass die Geschichte nicht halten würde, was der Titel versprach, löste bereits das G-Wort bei mir einen pawlowschen Reflex aus. Vergleichbar einem Hund, dem der Speichel im Maul zusammenläuft, wenn er ein Glöckchen hört, das er durch die Erfahrung mit Futter verbindet. So startete in meinem Kopfkino ein ganz eigener Glücksfilm: eine Mischung aus Love-story, Comedy und Actionmovie, unterlegt mit meinen Lieblings-Soundtracks.

Welche Szenen in meinem Glücksfilm vorkamen? Das verrate ich natürlich nicht im Detail, denn Glücksmomente sind etwas sehr Intimes. Nur so viel: Für die Romantikerin in mir sind sie mit Liebe, Leidenschaft und Romantik verbunden. Die Abenteurerin hingegen möchte Adrenalin und unbegrenzte Freiheit spüren. Während meine innere Realistin – oder besser gesagt: die Spiesserin – bereits glücklich ist, wenn mein Alltag stabil verläuft, die monatlichen Rechnungen bezahlt werden können und meine Lieben gesund und munter sind.

Wie vieles im Leben, so haben sich auch meine Ansprüche ans Glück mit den Jahren verändert. Heute verleihen mir Dinge und Beschäftigungen Glücksmomente, über die ich früher nur mitleidig gelächelt hätte: zehn Stunden ungestörter Schlaf in einem kuschligen Bett, herrlich! Aber bitte, schlafen kann ich noch genug, wenn ich tot bin! Ein Samstagabend ganz allein zu Hause inklusive einem Rendez-vous mit Netflix und einer Familienpackung Vanilleglace. Mann, bist du langweilig! Hast du keine Ahnung, was du draussen alles verpasst? Die Ferien immer wieder mal am gleichen, kleinen Strand in Südfrankreich verbringen? Wie dröge, genau wie deine Eltern, die 20 Jahre lang ins gleiche Hotel nach Sardinien fuhren. Doch haben wir denn überhaupt einen Anspruch auf Glück? Oder, fordern wir damit nicht genau das Gegenteil heraus? Für mein neues Buch «Glück ist deine Entscheidung» schilderten mir alte Menschen zwischen 80 und 100 Jahren, wie sie immer wieder um ihr ganz persönliches Glück gekämpft hatten, wenn ihnen dieses durch Krisen, Schicksalsschläge und Verluste genommen worden war. Wenn es also darum geht, sich sein eigenes Glück zu erhalten oder zurückzuerobern, ist dieser Anspruch durchaus legitim. Denn wir fordern nicht – von wem auch immer – glücklich gemacht zu werden, sondern übernehmen selber Verantwortung.

Schwieriger wird es, wenn wir mit einer Erwartungshaltung an die Glückssache herangehen, etwa mit dem Anspruch: Ich verdiene es, glücklich zu sein, schliesslich habe ich dies oder das dafür getan, es wäre also nur gerecht! Meine Erfahrung: Das Glück ist eine launische Diva, die sich zu nichts zwingen lässt. Aber wir können versuchen, sie zu umschmeicheln und zu umwerben, um sie mit blumigen Worten und Versprechungen zu bitten, uns doch einen Besuch abzustatten. Und kommt es dann wirklich zu diesem so erhofften Besuch – dann natürlich, wenn wir ihn am wenigsten erwarten –, dann sollten wir uns hüten, das Glück festhalten zu wollen. Denn dann ist es schneller weg, als wir gucken können. Und wenn wir Pech haben, dann beglückt es gerade jene, denen wir es am wenigsten gönnen. Was mich betrifft: Ich bin keine Glückssucherin, sondern habe Vertrauen in mein Schicksal, dass es mich immer wieder finden wird.