X

Beliebte Themen

Silvia Aeschbach

Der Bauch hat immer recht (2)

28. Juli 2019

Mein Stossgebet war erhöht worden. Unser Hund Louis hatte – trotz Darmvirus – das Hotelzimmer verschont. Und so konnte unser Wochenende in Lindau endlich starten. Anderntags sassen mein Mann und ich im Hotelgarten und genossen die eine oder andere Köstlichkeit. In solch entspannten Momenten spielen wir dann gerne das Spiel «Wer ist wer?». Wir beobachten die anderen Gäste und versuchen, mehr über sie zu ergründen. Bei zwei Tischen war dies nicht schwierig. Hier feierten zwei Grüppchen ihren Junggesellinnenabschied. Während die eine Gruppe einen Afternoon-Tee zelebrierte – der perfekt zu den Hütchen passte, die alle seitlich ins Haar gesteckt waren –, war in der anderen Mädels-Gruppe mehr los. Obwohl es noch nicht gerade Apéro-Zeit war, war der Stimmungspegel hoch, es herrschte ein Stimmengewirr in verschiedenen Sprachen.

Apropos Sprachengemisch: Irgendwie schien dieses Hotel eine internationale Kundschaft anzuziehen. Überall sassen ältere Herren in kleinen Grüppchen zusammen und diskutierten angeregt. Zuerst glaubte ich, neben Englisch auch Deutsch, Französisch und Russisch zu erkennen. Aber je länger ich lauschte, desto klarer wurde es: Alle sprachen Englisch, aber mit teilweise ziemlich starkem Akzent. Hin und wieder gesellte sich eine gut gekleidete Ehefrau hinzu, aber irgendwie schienen die Herren der Schöpfung so in ihre Gespräche vertieft, dass die Damen bald gelangweilt abzogen, um, so unsere Vermutung, im nahe gelegenen Lindau eine kleine Shopping-Tour zu unternehmen.

«Für einen Altersheim-Ausflug sind die Herren noch zu jung und für ein Klassentreffen sind sie in zu unterschiedlichem Alter», sagte mein Mann. Und damit war unser Spiel bereits wieder beendet, denn mir fiel beim besten Willen nicht ein, was die Männer verbinden könnte. Also be- gannen wir, jeden Einzelnen unter die Lupe zu nehmen. Einer der ersten, der uns auffiel, war ein braun gebrannter Robert-Redford-Typ, den wir zum Golf-Trainer machten. Den Nächsten ernannten wir zum pensionierten Hundezüchter, da zu seinen Füssen zwei blonde Labradore schnarchten. Und plötzlich entdeckten wir auch eine Frau in einer der Gruppen, die mit sehr konzentriertem Ausdruck Zahlen auf eine Serviette kritzelte. «Steuerprüferin», stellten mein Mann und ich unisono fest, stolz auf unseren Einfallsreichtum.

Wie jedes schöne Wochenende, so verging auch dieses im Flug. Auf der Heimfahrt kamen wir in Lindau an einem Verkehrskreisel vorbei, der mit vielen schwarz-weissen Porträts plakatiert war. «Hey, schau mal, da ist doch unser Robert-Redford-Verschnitt», rief mein Mann verblüfft. «Und dort, der Dogsitter!». Drei Mal fuhr ich rund um den Kreisel herum, bis wir checkten: Die rund drei Dutzend Menschen, die hier abgebildet waren, waren allesamt Physik- und Chemie-Nobelpreisträger. Und die einzige Frau in dieser illustren Gesellschaft? Nein, es war keine Steuerprüferin. Ada Yonath hatte im Jahr 2009 den Nobelpreis für Chemie bekommen.

Zu Hause googelten wir und erfuhren, dass sich schon seit mehr als 50 Jahren jedes Jahr in Lindau Nobelpreisträger treffen, um sich während einer Woche untereinander und vor allem mit jungen Wissenschaftlern aus der ganzen Welt auszutauschen. Unser Spiel «Wer ist wer?» haben wir übrigens seither nicht mehr gespielt, nachdem wir mit unseren Mutmassungen so komplett danebengelegen waren.