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Silvia Aeschbach

Die Doppelgängerin aus Neuseeland

15. April 2019

Auf keine meiner Kolumnen wurde ich so oft angesprochen wie auf jene, in der ich über meine Doppelgängerin geschrieben habe. Eine Leserin der Coopzeitung hatte in einem Café im Städtchen Methven in Neuseeland ein Gemälde einer Künstlerin entdeckt. Darauf war eine blonde Frau porträtiert, welche eine solch unglaubliche Ähnlichkeit mit meinen Kolumnenfotos hatte, dass sie mir schrieb und mich fragte, ob ich vielleicht neulich durch Neuseeland gereist sei und mich von dieser Künstlerin habe malen lassen.

Sie schickte mir ein Foto des Bildes mit meiner Doppelgängerin. Nicht nur ich war über die frappante Ähnlichkeit erstaunt. Vor allem mein Mann konnte fast nicht glauben, was er sah. Nur ein Detail war etwas anders: Meine Doppelgängerin trug ihre Haare ein paar Zentimeter länger als ich. Natürlich wollte ich wissen, ob es eine zweite Silvia in Neuseeland gibt oder ob die Künstlerin vielleicht ein Foto von mir aus dem Internet abgemalt hatte – was allerdings sehr unwahrscheinlich war. Genauso abwegig wie die Möglichkeit, dass jemand aus der Schweiz eine Coopzeitung mitgebracht und irgendwo am Ende der Welt liegengelassen hatte. Nur etwas wusste ich sicher: Ich bin noch nie in meinem Leben in Neuseeland gewesen.

Die Leserin, die mir das Bild schickte, hatte auch den Namen der Künstlerin ausfindig gemacht. Doch mit dieser Sally Withell in Kontakt zu treten, erwies sich als nicht so einfach. Auf ihrem Facebook-Account war sie seit Jahren nicht mehr aktiv, und eine andere Website hat sie nicht. So schlief die Sache etwas ein, bis ich vor ein paar Wochen erneut eine Suche startete. Da sah ich, dass Sally Withell im vergangenen November in einer Galerie Werke gezeigt hatte. Ich schrieb an die Galerie, die meine Anfrage an die Künstlerin weiterleitete, die sich dann rasch meldete. In einem Mail erklärte ich ihr «den Fall» und sandte ihr ein Foto von mir. Sie freute sich und war ebenfalls sehr erstaunt über die Ähnlichkeit zwischen ihrem Modell und mir. Sie schrieb, dass Lauren – so der Name meiner Doppelgängerin – Schottin sei. Zusammen mit ihrem Freund, mit dem sie inzwischen verheiratet sei, habe sie zwei Restaurants im nahen Skigebiet am Mount Hutt geführt. Während dieser Zeit habe Lauren bei ihr gewohnt. Das sei aber schon ein paar Jahre her und inzwischen sei Lauren nach Nelson gezogen. 

Sally schickte mir mehrere Fotos von Lauren, aus der Zeit, in der diese bei ihr gewohnt hatte. Sie zeigten eine junge, sportliche Frau mit kurzen, hellblonden Haaren und mit ähnlichen Gesichtszügen wie die meinen. Die Ähnlichkeit war auch bei diesen Fotos gross, allerdings nicht so verblüffend wie auf jenem Bild, das Sally von Lauren gemalt hatte. Was mich so berührt, ist nicht die äusserliche Kopie meines Selbst, sondern, dass es die Künstlerin verstanden hatte, Laurens Wesen festzuhalten, in dem ich mich sofort wiedererkannte. Ich habe anscheinend nicht nur eine Doppelgängerin, sondern auch eine Seelenverwandte, die nicht nur die gleiche Körperhaltung und die gleiche Gestik hat wie ich, sondern auch «den gleichen Ausdruck in den Augen und das gleiche zurückhaltende Lächeln». So beschreibt jedenfalls mein Mann seine Eindrücke.

Sally versprach, Lauren per Mail zu kontaktieren, um so einen Kontakt zwischen uns herzustellen. Leider habe ich bis jetzt noch nichts von meiner Doppelgängerin gehört. Aber Sie können sicher sein: Diese Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben. Ich freue mich auf die Fortsetzung.