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Silvia Aeschbach

Die Kunst des Schenkens

20. Dezember 2019

In wenigen Tagen werden wieder viele Augen vor Rührung feucht glänzen. Aber es gibt auch jene Menschen, die sich mit Weihnachten schwertun. Vielleicht, weil sie die Einsamkeit stärker als sonst spüren. Einen geliebten Menschen besonders stark vermissen. Oder weil sie keine Lust haben, «glückliche Familie» zu spielen, während man sich unter dem Jahr alles andere als wohlgesonnen ist. Und dann wäre noch das Thema Geschenke, an dem sich die Gemüter scheiden. Unbestritten ist meistens, dass kleinere und grössere Kids beschenkt werden dürfen. Aber was ist mit den Erwachsenen?

Immer mehr meiner Freunde verzichten bewusst auf Weihnachtsgeschenke, weil das Schenken für sie Stress bedeutet und weil sie es überflüssig finden, da sie alles haben, was sie brauchen. Oder weil sie zu bequem sind, sich Gedanken darüber machen zu wollen. Eine durchaus vernünftige Einstellung. Andere, wie meine Familie, haben sich für das Wichteln entschieden. So habe auch ich bereits Anfang November per WhatsApp erfahren, wem ich etwas schenken und in welchem Preisrahmen die Gabe liegen darf. Ich konnte es mir nicht verkneifen, etwas schnippisch zu antworten: «Soll ich auch noch den Kassenzettel beilegen, damit alles seine Ordnung hat?»

Zugegeben, eine kindische Reaktion. Schliesslich habe ich dem Wichteln ja zugestimmt. Nicht weil ich es eine tolle Idee gefunden hätte. Aber ich wusste, dass ich mit meiner Abneigung gegen jegliche «Vorschriften», nicht nur was das Schenken betrifft, auf ziemlich verlorenem Posten gestanden wäre. Ob sich auf diese Weise unnütze Geschenke vermeiden lassen, bezweifle ich aber.

Wäre es nicht sinnvoller, auf Alibi-Geschenke zu verzichten und sich einfach darüber zu freuen, dass man gemeinsam einen schönen Abend verbringen kann? Wer nur schenkt, damit er am 24. Dezember nicht mit leeren Händen dasteht, kann es doch auch sein lassen. Man kann ja auch unter dem Jahr schenken, einfach aus Lust und Laune, oder weil man vielleicht auf einer Reise etwas gesehen hat, von dem man weiss, dass es Freude bereiten würde. Eine sinnvolle Variante ist auch, im Namen des zu Beschenkenden einer wohltätigen Institution eine Spende für Menschen oder Tiere zukommen zu lassen. Nicht alle sind in der Lage, grosszügig auf Geschenke verzichten zu können.

Die Eigenschaft, das Schenken zu lieben, teile ich übrigens mit meiner Schwester Jeannette. Sie können sich sicher vorstellen, dass am Ende des Weihnachtsabends zwischen uns die eine oder andere Geschenktüte – natürlich ganz im Verborgenen – die Besitzerin wechselt. Wir beide waren bis vor Kurzem noch überzeugt, dass von dieser Geheimaktion bisher niemand etwas gemerkt hatte. Aber inzwischen bin ich überzeugt, dass man sich über uns amüsiert, wenn wir jeweils, natürlich ganz zufällig, vor dem Abschied noch rasch unter vier Augen etwas besprechen müssen.

Was das Schenken betrifft, musste ich allerdings auch lernen, den Wunsch meiner besten Freundin zu akzeptieren, die zu Weihnachten weder schenken noch beschenkt werden möchte. In allen anderen Fällen werde ich mir diese Freude nicht nehmen lassen. Egal, ob es sich nur um eine Kleinigkeit oder auch einmal um ein unvernünftiges Geschenk handelt, das mein Budget überschreitet. Und so sollte doch das Schenken funktionieren: als ein Zeichen von Liebe. Und diese lässt sich bekanntlich nicht beziffern. Aber auch nicht erzwingen.