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Silvia Aeschbach

Die Schnäppchenjägerin

16. Dezember 2019

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, in Paris einen charmanten Parfumeur zu interviewen. Nach dem Treffen und bevor ich zum Flughafen fahren musste, hatte ich noch etwas Zeit. Also ging ich noch ein wenig bummeln. Wenig später befand ich mich in einem luxuriösen Warenhaus. Eine Kollegin aus Österreich, die ebenfalls mit von der Partie war, hatte mir dieses empfohlen. «Es gibt nichts Schickeres in der Stadt als diese Schuhabteilung», hatte sie mir verraten. Und dabei grinsend auf ihre Füsse gezeigt, die in ziemlich neuen Stiefeln aus Wildleder steckten. «Solch treue Begleiter, die einem bei jedem Wetter auf Schritt und Tritt folgen, findet man schliesslich nicht alle Tage», meinte sie.

Ich gönnte Barbara die neuen Schuhe – aber mein Budget hätten sie gesprengt. Aber da Schauen bekanntlich nichts kostet, schlenderte ich etwas später durch die äusserst verführerische Schuhabteilung. Ich hatte meinen Rundgang beinahe beendet, da traf es mich wie ein Blitz. Beim Anblick nachtblauer Stiefeletten war ich schockverliebt. Ohne zu zögern nahm ich sie aus dem Regal und streichelte über das babyweiche Leder. Eine Verkäuferin, die mich beobachtet hatte, kam lächelnd auf mich zu. Ich war sicher nicht die erste Kundin, deren Blick vor lauter Begierde verschleiert war. So dauerte es keine Minute, und meine Füsse hatten eine neue, verheissungsvolle Bekanntschaft gemacht. Und die Chemie stimmte: Die Schuhe schmiegten sich an meine Füsse, als hätten sie nur da- rauf gewartet, von mir entdeckt zu werden.

Ein diskreter Blick aufs Preisschild liess mein Herz noch schneller schlagen: ein Schnäppchen! Das wunderte mich zwar ein bisschen, weil das Modell aus der neuen Kollektion eines französischen Designers stammte, der nicht gerade dafür bekannt ist, günstig zu sein.

Beinahe beflügelt folgte ich der netten Verkäuferin in Richtung Kasse. Während dort die Stiefeletten sorgfältig in knisterndes Seidenpapier verpackt wurden, zückte ich meine EC-Karte. Kurz danach erschien auf dem Display eine Summe, die eindeutig eine Null zu viel anzeigte. Das erkannte ich, obwohl ich meine Lesebrille nicht trug. In meinem besten Französisch wies ich die Kassiererin auf ihr Versehen hin. Diese antwortete in perfektem Englisch, dass ich mich getäuscht hatte, und dass es sich bei der Zahl tatsächlich um den richtigen Preis handle.

Meine Schockverliebtheit verwandelte sich augenblicklich in Scham und kurz darauf in Ärger über mich. In letzter Zeit war es nämlich immer wieder vorgekommen, dass ich, sogar wenn ich meine Lesebrille trug, die kleinen Preisschildchen, die an Sachen klebten, nicht mehr entziffern konnte. Und dieses Mal war ich durch die Ausschüttung von Glückshormonen so überwältigt gewesen, dass ich meinen Augen getraut hatte. Oder besser gesagt: trauen wollte. Und ich war mir sicher: Selbst mit der Brille auf der Nase wäre mein Blick zu getrübt gewesen, um die Realität zu erkennen.

Während die Verkäuferin meine Eroberung auf ihren ursprünglichen Platz zurückstellte, zog ich gesenkten Hauptes ab. Im Bewusstsein, dass mein nächster Kauf kein Schnäppchen sein würde, sondern eine Lesebrille mit stärkeren Gläsern.