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Ein himmlisches Butterbrot

07. Oktober 2019

Es war einer jener Morgen, an denen ich beim Aufwachen am liebsten die Decke über den Kopf gezogen hätte. Grund dafür war ein schlechter Traum: Ich sass hungrig an einem schön gedeckten Tisch in einem vornehmen Restaurant. Mein Bauch knurrte so laut, dass mir der Kellner böse Blicke zuwarf. Während am Nebentisch feinste Speisen serviert wurden, wartete und wartete ich auf mein Essen: ein frisches Erbsensüppchen, Saltimbocca mit Weisswein-Risotto und zum Dessert ein Stück Vacherin-Torte. Kurz vor dem Verhungern stellte mir der Kellner dann einen Teller vor die Nase: Kopfsalat ohne Sauce. «Mit freundlichem Gruss aus der Küche. Leider hat diese vor zehn Minuten geschlossen», sagte er süffisant lächelnd. Ich war reif für einen Mord.

«Vielleicht solltest du wieder einmal Kohlenhydrate essen, dann hättest du nicht solche Albträume», sagte mein Mann trocken, nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte. Als er mir dann noch sein köstliches Butterbrot unter die Nase hielt, giftete ich: «Du bist ja noch schlimmer als der Kellner in meinem Traum.» «Wenn du Diät hältst, dann bist du echt nicht auszuhalten», entgegnete der Gatte und biss genussvoll in sein Brot.

Ein paar Stunden später sass ich hungrig und übellaunig im Büro. Es dauerte nicht lange, und eine Kollegin steckte mir einen Sack frische Gipfeli entgegen. Nachdem sie die Büchsen mit den Eiweisspulvern erblickt hatte, die auf meinem Pult standen, meinte sie nur lachend: «En Guete!» Als am Nachmittag eine andere Kollegin Geburtstagskuchen verteilte, hätte ich mich beinahe unter meinem Pult versteckt, damit ich bei dessen Anblick nicht schwach würde. Ich motivierte mich insentiv. Immerhin hatte ich bereits 48 Stunden meiner Eiweiss-Shake-Diät durchgehalten. Da waren doch die restlichen fünf Tage à 24 Stunden ein Klacks! Und als Belohnung würde ich Ende der Woche drei Kilo weniger wiegen.

Den Abend verbrachte ich allein. Mein Mann hatte mit Freunden zum Essen abgemacht. Immerhin durfte ich wählen, ob ich den «köstlichen» Schoko-, den «fruchtigen» Erdbeer- oder den «sämigen» Vanilledrink als «Nachtessen» geniessen wollte. Ehrlich gesagt schmeckte die Schokolade nach den Kohletabletten, die ich als Kind bei Durchfall nehmen musste. Der Erdbeerdrink erinnerte mich an Bazooka-Kaugummi, und statt des Vanilledrinks hätte ich auch gleich meine «Tahiti»-Bodylotion trinken können. Neidisch schaute ich meinem Hund Louis zu, der leidenschaftlich an einem Knochen nagte. Ich musste ihm einen solch gierigen Blick zugeworfen haben, dass er um sein Futter zu fürchten schien: Jedenfalls trottete er mit seinem Knochen so schnell, wie er als 12-jähriger Hundesenior das kann, Richtung Türe. Dort drehte er sich noch einmal um, und zwischen seinem verächtlichen Schnauben glaubte ich, seine Botschaft zu hören: «Der Kühlschrank ist voll. Dein Bauch leer. Menschen sind einfach doof.»

Ich erschrak. Litt ich etwa unter Halluzinationen? Bedenklich, dass ich, ausgehungert wie ich war, Stimmen zu hören glaubte. Und dazu noch tierische!

Ich musste handeln – natürlich aus rein medizinischen Gründen und nicht etwa aus Mangel an Disziplin. Das Butterbrot schmeckte köstlich. Das zweite, mit Honig bestrichene, trieb mir vor Wonne beinahe die Tränen in die Augen. Und dann kam die Krönung: die Brotscheibe mit Nuss-Nougat-Creme!

Ich schlief so tief, dass ich nicht hörte, wie mein Mann heimkam. Da die Küche Spuren meiner nächtlichen Freuden aufwies, fragte er am Morgen nicht, warum ich so unverschämt gute Laune hatte. «Welcome back», sagte er grinsend. «Lust auf eine Eiweiss-Omelette?»