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Silvia Aeschbach

Es isch emal en Tubel gsi

17. Juni 2019

Erinnern Sie sich an den Song «Tubel Trophy» der Zürcher Band Baby Jail? Die Hauptfigur im Lied, ein naiver, junger Mann, leidet unter schwerer Selbstüberschätzung und verpflichtet sich in der Hoffnung auf den Hauptgewinn für eine gesponserte Dschungel-Trophy. Der Song ist ziemlich alt, genauer gesagt stammt er aus dem Jahr 1992. Doch eigentlich ist er auch noch ziemlich aktuell. Zum Beispiel, wenn man sich TV-Formate wie das «Dschungelcamp» anschaut. Dort steht zwar nicht das Leben der meist ausgemusterten Promis auf dem Spiel, sondern «nur» der letzte Rest ihrer Würde.

Dieser Song kam mir in den Sinn, als ich kürzlich während einer Zugfahrt das Gespräch von zwei älteren Männern belauschte. Eigentlich war ich in meinen Krimi vertieft, aber als einer der beiden Senioren immer wieder das Wort «Tubel» sagte, war meine Aufmerksamkeit geweckt. «Weisch, ich bin en ächte Tubel gsi, wo ich sie ha gah la. Aber ich han damals eifach no nüt vo Fraue verschtande», klagte einer der beiden. «Das tuesch doch au hüt no nöd», frotzelte sein Gegenüber. Die vertraute Art, wie die beiden Männer miteinander sprachen, zeigte mir, dass sie sich schon lange kennen mussten. Leider vertieften sie dieses für mich spannende Thema nicht, sondern begannen über die «überzogenen Preise des GA» zu lästern. Darum klinkte ich mich aus und legte gedanklich den Rückwärtsgang ein.

Wie oft war ich in meinem Leben eigentlich ein Tubel gewesen? Ich brauchte nicht lange nachzudenken. Und bei einigen Situationen konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, was mich veranlasst hatte, wie ein solcher zu handeln.

«Ich bereue nichts», hört man oft. Offenbar liegt es im Trend, die eigene Vergangenheit mit Nachsicht zu betrachten. Gründe dafür gibt es viele: Man wusste es nicht besser, war «jung und dumm», oder es fehlte einfach die Erfahrung von heute. Das stimmt zum Teil natürlich. Und warum sollte man sich für Vergangenes, das man nicht mehr ändern kann, Vorwürfe machen? Und falls man daraus gelernt hat und diese Erfahrungen einen weitergebracht haben, ist dies ja eine erfreuliche Entwicklung.

Was mich ärgert, sind jene Mitmenschen, die sich in wohliger Selbstzufriedenheit suhlen und aus vollster Überzeugung behaupten: «Ich habe stets versucht, das Beste aus einer Situation zu machen.» Was für mich nichts anderes heisst als: «Ich habe stets versucht, das Beste für mich aus einer Situation herauszuholen.» Selbstkritik oder gar Selbstzweifel sind solchen unreflektierten Zeitgenossen fremd. Nie würden sie sich selber als Tubel bezeichnen, denn Selbsterkenntnis gehört nicht zu ihren Stärken. Es braucht nämlich eine gewisse Grösse, sich und anderen einzugestehen, dass manches, was man in der Vergangenheit getan oder eben unterlassen hat, saublöd war. Und dass man sich damals durchaus bewusst war, welche Konsequenzen diese Handlungen haben würden.

Dem Trophy-Tubel waren diese Einsichten leider verwehrt. Er überlebte seinen Ausflug in den Dschungel nicht. Für uns andere besteht zum Glück noch Hoffnung.