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Silvia Aeschbach

Ferienfreuden, Ferienleiden (2)

12. August 2019

Wenn die zwischenmenschliche Chemie stimmt, können weder eine üble Magen-Darm-Grippe, die man während der ersten gemeinsamen Ferien zusammen durchsteht, noch ein kaputtes Auto auf der Fahrt in den Liebesurlaub im Süden das Erblühen einer neuen Liebe stoppen. Allerdings können auch die besten Voraussetzungen nicht garantieren, dass die ersten gemeinsamen Ferien als Paar nicht die letzten sein werden.

Vor allem wenn man mit übertriebenen Erwartungen startet, können zwei Tage oder gar drei Wochen sehr lang werden. Und auch der Hormon-Cocktail, der in dieser Verliebtheitsphase unsere Sinne vernebelt, kann nicht darüber hinweghelfen, wenn sich der Liebste als knausrig entpuppt und nur mit Widerwillen ein bescheidenes Trinkgeld gibt, oder die Figur der Freundin kritisiert, dafür am Pool anderen Frauen nachglotzt. Es macht auch nicht gute Laune, wenn die Begleiterin jeden Tag ausschlafen will, um danach alle Märkte und Shops in der Umgebung zu besuchen, aber für jegliches Kultur- oder Sportangebot nicht zu haben ist.

Natürlich neigt man im jugendlichen Übermut und aus lauter Verliebtheit dazu, seine eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen. Und man ist bereit, so manches Experiment zu wagen. Mit meiner ersten grossen Liebe, einem angefressenen Segler und Camper, verbrachte ich vier Wochen abwechselnd auf seinem Nussschalenboot und auf einem Campingplatz im Süden Italiens. Sie finden das romantisch? Dazu folgende Details: Damals wie heute hasse ich es, auf sehr engem Raum (Boot, Zelt) mit jemandem zu leben. Als hellhäutige Frau mit tiefem Blutdruck vertrage ich grosse Hitze und starke Sonneneinstrahlung schlecht. Und ich bin Allergikerin. Schon ein Mückenstich auf dem Augendeckel lässt mich wie eine Preisboxerin nach dem K.o. aussehen. Kurz, ich bin nicht so der klassische Outdoor-Typ, im Gegensatz zu meinem damaligen Freund, mit dem ich übrigens sieben Jahre zusammenblieb. Und? Sie werden es nicht glauben: Ich habe diese Ferien fast von A bis Z genossen. Ausser die drei Tage, als ich wegen eines Sonnenstichs etwas unpässlich war. Genossen habe ich es aus dem einfachen Grund: Weil mein damaliger Freund mir eine neue Welt eröffnete und ich den Mut hatte, in unbekannte Wasser zu springen. Allerdings: Wäre ich nicht hochgradig verliebt gewesen, hätte ich das nie geschafft. Er war übrigens nicht der letzte Mann, für den ich mich aus meiner Wohlfühlzone herauswagte. Mit unterschiedlichem Erfolg. Heute kenne ich meine Grenzen natürlich besser. Ich muss nicht mehr auf harten Schiffsplanken liegen, um zu wissen, dass meine Diskushernie diese Herausforderung nicht braucht. Aber ich würde mich nicht scheuen, auch als Morgenmuffel einen beschwerlichen Aufstieg auf einen Berg (okay, auf einen Hügel) auf mich zu nehmen, wenn ich dafür einen wundervollen Sonnenaufgang erlebe. 

Ein Psychologe würde einem frisch verliebten Paar vielleicht raten, vor den ersten Ferien ausführlich über eigene Bedürfnisse und die No-Gos zu sprechen. Meiner Meinung nach ist das nicht nötig. Während der gemeinsam verbrachten Zeit können wir schnell erkennen, ob die neue Beziehung eine Chance hat. Vor allem, wenn man keine 20 mehr ist. Und vielleicht ergibt sich ja auch die Chance, dass man sich durch einen neuen Partner auch neu erleben kann. Und ob der Neue ein Geizhals oder ein Frauen-Checker ist, lässt sich mit etwas gesundem Menschenverstand ja schon bei den ersten Dates erkennen.