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Silvia Aeschbach

Gebratener Cervelat auf zwei Beinen

09. Dezember 2019

Wenn ich in der kalten Jahreszeit um die Mittagszeit aus einem überfüllten Tram aussteige, kann ich anhand der Ausdünstung meiner Kleider sagen, was die Menschen neben, vor und hinter mir gegessen haben. Selbst wenn es nur eine kurze Fahrt war. Mein Wollschal riecht eindeutig nach Curry. Dem Mantel haftet mehr als ein Hauch Kebab (mit einer grossen Portion Zwiebeln) an. Und wenn mich meine Hunde bei der Begrüssung am liebsten auffressen würden, weil sie mich ein paar Stunden nicht gesehen haben, passiert dies nicht aus reiner Freude, sondern weil mich eine verführerische Gebratene-Wurst-Aura umgibt. Jener Wurst, die wenige Minuten zuvor der Nachbar auf dem Nebensitz im Tram verschlungen hat.

Ich kann Millie und Louis gut verstehen. Der köstliche Duft eines knusprig gebratenen Cervelats kann auch mich entzücken. Besonders dann, wenn ich ihn draussen an einem Lagerfeuer geniesse. Aber wenn sich dieser markante Geruch auf engstem Raum mit jenem von anderen «Köstlichkeiten to go» vermischt – vielleicht noch von leisen Schmatzern, dem einen oder anderen Rülpser, oder gar einer anderen menschlichen Ausdünstung untermalt wird –, kann es sein, dass mir übel wird. Selbst wenn ich hungrig ins Tram gestiegen bin. Und noch mühsamer wird es, wenn mein Magen schon vorher etwas angeschlagen war. Dann hilft nur noch das Aussteigen an der nächsten Haltestelle. Wenn Sie jetzt denken, es würde mir sowieso gut tun, wenn ich mich etwas mehr bewegen würde statt immer zu fahren, gebe ich Ihnen recht. Aber manchmal muss es im Alltag halt zügig gehen. Und die Termine nehmen keine Rücksicht auf Döner und Fritten.

Vielleicht bin ich pingelig, aber ich mag es einfach nicht, wenn meine Kleider und Haare nach Essen riechen. Das ist nicht nur nach dem Tramfahren so, sondern auch, wenn ich nach einem Nachtessen mit Freunden nach Hause komme und mich mein Mann mit der Feststellung begrüsst: «Ah, heute Abend gab es Fondue mit ein paar Gläschen Weissem» oder «Spaghetti aglio e olio». Etwas mulmig wird mir, wenn er fragt: «Bist du sicher, dass der Fisch frisch war?»

Lustigerweise scheinen ihn Essensgerüche an mir weniger zu stören als mich selber. Das kann aber auch daran liegen, dass er momentan am Abend weniger isst, um etwas Gewicht zu verlieren. Da ist so ein gebratenes Güggeli – auch wenn es nur als Duftnote daherfliegt – durchaus willkommen.

Immer mehr Menschen essen am Bürotisch jene Mahlzeiten, die sie vorher in der Mikrowelle aufgewärmt haben. Oder sie essen eben im Tram, im Bus, im Zug oder auf der Strasse. Das wäre nichts für mich, weil für mich so der Genuss flöten geht. Aber auch bei mir kommt es vor, dass ich aus Zeitnot unterwegs eine Frucht oder ein Sandwich esse. Aber nie eine warme Mahlzeit in einem öffentlichen Verkehrsmittel!

Ich will vermeiden, dass der erste Eindruck, den ich auf andere mache, der eines gut gebratenen Cervelats auf zwei Beinen ist.