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Silvia Aeschbach

Gelb vor Neid

28. Januar 2019

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich in der Gesellschaft noch nie so viel Neid erlebt habe wie heutzutage. Dieses hässliche Gefühl, dem seit dem Mittelalter die Farbe Gelb zugeordnet wird und das darum den Ausspruch geprägt hat: «Jemand ist Gelb vor Neid.» Nur zum Teil wird Neid offen gezeigt, oft taucht er versteckt auf und ist auf den ersten Blick gar nicht so klar ersichtlich. Aber wo fängt der Neid an? Wo kann man ihn vielleicht noch nachvollziehen? Und wo nimmt er Ausmasse an, die nicht mehr akzeptabel sind? Oder kann eine Prise Neid etwa auch motivierend sein, wenn es darum geht, etwas zu erreichen, was man beim anderen bewundert?

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Neidgefühle gehen mir gegen den Strich. Egal, ob ich sie bei anderen oder, zum Glück sehr selten, bei mir selber spüre. Und ich bin glücklich, dass ich nicht zu den neidischen Menschen gehöre. Sei es darum, weil ich für mein Leben – mit all seinen Hochs, aber auch Tiefs – dankbar bin, oder sei es, weil ich über ein gesundes Selbstbewusstsein verfüge und schon früh lernte und akzeptieren konnte, dass es immer eine andere gibt, die schöner, begabter und beliebter ist als ich.

Sich konstant mit anderen zu vergleichen und diese vielleicht auch klein zu machen, damit man sich selber besser fühlt, ist kein neues Phänomen. Aber in Zeiten, in denen eine scheinbare Perfektion das Mass aller Dinge ist und die eigene Inszenierung in den sozialen Medien einen riesigen Stellenwert angenommen hat, findet der Neid bei verunsicherten Menschen viele fruchtbare Böden. 

Wenn ich früher traurig war, weil ich hörte, wie hinter meinem Rücken gelästert wurde, wurde mir immer wieder gesagt: «Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten.» Ich fand diesen Spruch nie tröstlich. Und das hat dazu geführt, dass ich sehr empfindlich darauf reagiere, wenn ich mit Neid konfrontiert werde. Nicht nur, wenn es mich betrifft, sondern auch, wenn ich beispielsweise erlebe, wie sich Kollegen bei beruflichen Erfolgen gegenseitig lobend auf die Schulter klopfen. Sich aber hinterrücks das Maul zerreissen, über den «Schrott», den der andere geschrieben haben soll. Dieses Verhalten gibt es natürlich nicht nur bei Journalisten. Und in der heute für viele wirtschaftlich schwierigen Situation wuchert der Neid. Er macht auch im privaten Umfeld nicht halt. Etwa, wenn die «gute Freundin» in süsssaurem Ton säuselt: «Hast du abgenommen? Jetzt musst du dann aber aufpassen, damit es nicht zu viel wird.» Das sagt mehr über sie als über die scheinbar beneidete Figur aus.

In künstlichen Süssstoff verpackt zeigt sich der Neid in seiner schlimmsten Form. Weil sowohl der Absender wie auch der Empfänger wissen, dass dieses so süss verpackte Kompliment ein hochgiftiges Geschenk ist, verpackt mit schlechten Wünschen und Gedanken. Da ist es mir viel lieber, wenn jemand beispielsweise zu mir sagt: «Ich bin ein bisschen eifersüchtig auf … (was auch immer).» Denn diese Aussage empfinde ich im Gegensatz zum unausgesprochenen Neid als ehrliches Kompliment.