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Silvia Aeschbach

Grosse Momente

11. März 2019

Wann haben Sie zuletzt etwas so Besonderes erlebt, dass Sie dachten: So etwas Schönes, Berührendes oder Aufregendes kommt so schnell nicht wieder? Manchmal ist einem bereits während dieser speziellen Momente klar, dass diese Minuten oder Stunden als Mini-Meilensteine in die eigene Lebensgeschichte eingehen werden. Sei es, dass man eine ganz wichtige Prüfung geschafft hat, ein Kind geboren hat oder ein anderer, lang ersehnter Traum endlich in Erfüllung gegangen ist.

Dann gibt es aber auch diese Erlebnisse, bei denen man sich erst im Nachhinein bewusst wird, wie besonders sie waren. Nicht, weil sie weltbewegend gewesen wären oder unglaubliche Konsequenzen gehabt hätten. Es wurde kein Leben gerettet, keine wichtige Wahl gewonnen, und es wurden auch nicht die richtigen Lottozahlen getippt. Und sie tauchten weder auf Facebook noch auf Instagram auf, weil sie einfach zu persönlich oder zu intim waren. Momente wie Sternschnuppen, die meistens viel zu schnell vergehen und deren flüchtiger Glanz das Leben jedes Mal wieder verzaubert, wenn man sich an sie erinnert. Der erste Ton an einem Open-Air-Konzert, der Zehntausende von Menschen elektrisiert und eine Energie schafft, die einen davonträgt. Oder das Glücksgefühl, wenn man nach einer langen Trennung den Liebsten wieder in die Arme schliessen kann.

Leider gibt es nicht nur diese aussergewöhnlichen Momente, die einen auch im Nachhinein noch wärmen, sondern auch die traurigen, bei denen man oft noch genau weiss, wann und wo sie passiert sind. Das letzte Telefongespräch mit meiner Mutter während meiner Ferien in Dubrovnik im Juni 2007. Ich erinnere mich nicht nur an den Tag und die Uhrzeit. Ich sehe mich auch noch auf der grünen Parkbank sitzen unter einem riesigen, blühenden Baum. Als sie liebevoll zum Abschied unseres kurzen Gesprächs sagte: «Wo immer du hingehst, ich bin bei dir.» Dass dies die letzten Worte sein würden, die ich von ihr hörte, wusste ich damals noch nicht, denn meine Mutter sagte nichts über irgendwelche Beschwerden. So fröhlich, wie meine Mutter tönte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich nur ein paar Stunden später von ihrem Tod erfahren würde. In meiner damaligen Trauer spürte ich noch nicht, dass dieser letzte Satz mich in den weiteren Lebensjahren immer begleiten und trösten würde.

Und dann gibt es noch jene fast etwas skurrilen Begebenheiten, die man gerne unter Freunden zum Besten gibt. Über die man sogar lachen kann, weil sie seelisch schon lange verdaut sind. Eines meiner Highlights – oder sollte ich sagen einer der Tiefpunkte? – ereignete sich vor vielen Jahren. Ich steckte damals in einer schwierigen Beziehung mit einem Mann, schaffte aber den Absprung nicht, obwohl ich zunehmend unglücklich war. Eines Tages rief mich dieser Freund an und sagte in seiner gewohnt eher barschen Art: «Ich habe eine Panne mit dem Auto, komm mich holen!» Was ich auch machte. Mit dem Abschleppen von Autos hatte ich keine Erfahrung, und das Unternehmen wurde dementsprechend desaströs. Mitten auf einer Kreuzung in Frauenfeld riss das Abschleppseil. Als ich ihn im Rückspiegel wütend gestikulieren sah, fuhr ich einfach davon. In dem Moment ahnte ich noch nicht, dass ich für mich damit auch die Beziehung beendet hatte. Was ich wenig später auch offiziell vollzog.