X

Beliebte Themen

Silvia Aeschbach

Hat noch jemand eine Frage?

11. Februar 2019

Wie werde ich schlank in zehn Tagen? Wie verhindere ich lästigen Fusspilz? Und wie merke ich, dass meine Frau fremdgeht? Welche Heilpflanzen wirken eigentlich bei Gastritis/Nesselfieber/Halsweh? Wer heute einen Rat braucht, muss nicht lange suchen. Wer Pech hat, weiss allerdings nach einer ausgedehnten Suche im Internet oft weniger als zuvor, macht sich Sorgen, wo es gar nichts zu sorgen gäbe, und sitzt dann vielleicht mit einer kommunen Halsentzündung in der Notaufnahme im Spital.

Wer fragt, braucht Mut und sollte keine Angst vor der Antwort haben. Diese Weisheit gilt nicht nur bei Liebesfragen, sondern in allen Lebenslagen. Aber nicht nur das Internet ist voller guter Ratschläge, auch die sogenannten Selbsthilfe-Bücher boomen. Abgesehen von den schon immer beliebten Beziehungsratgebern («Wie liebe ich einen schwierigen Mann?»), sind vor allem Ernährungs- und Gesundheitsthemen äusserst beliebt. Aber kein Problem zu unwichtig, als dass es nicht gelöst werden müsste. Wer heute immer noch nicht weiss, wie der eigene Darm funktioniert, ist echt von gestern. Und gehört zu einer Minderheit, die «Darm mit Charme» von Giulia Enders nicht gelesen haben. Pfui!

Natürlich gibt es Ratgeber, die unterhaltend und intelligent geschrieben sind – zum Beispiel der oben erwähnte. Aber viele sind einfach nur Schrott. Vor allem beim Thema Selbstoptimierung gibt es scheinbar noch viel zu lernen, wenn es nach den zahlreichen Perfektionsexperten geht. So erklärt uns die Bestsellerautorin Marie Kondo in «Magic Cleaning» beispielsweise, wie eine sauber gefaltete Unterhose Glücksgefühle auslösen kann, und ermutigt uns, uns von Ballast zu befreien.

Ich habe nach dem Lesen des Buches von Marie Kondo ernsthaft versucht, mich von meinem überflüssigen Krempel wie meinen Tagebüchern aus den Jahren 1988 bis 1999 und meiner Sammlung von alten Nachrichtenmagazinen zu trennen. Und wissen Sie was? Nach dieser Trennungsaktion fühlte ich mich nicht fröhlich-befreit, sondern irgendwie unangenehm leer. Was dazu führte, dass ich auf allen Vieren meine alten Schätze, die jetzt leider etwas zerfleddert waren, wieder aus dem Abfall herausklaubte. Aber: Mein Wohlgefühl war wieder da!

Doch es sind nicht die digitalen oder in Buchform gedruckten Ratgeber, die mich am meisten nerven, sondern jene auf zwei Beinen. Sie kennen sicher auch diese Zeitgenossen – besser bekannt als Besserwisser –, die einen, am liebsten ungefragt, mit guten Ratschlägen eindecken. Und es gibt praktisch kein Thema, bei dem sie nicht mit ihrem angeblich reichen Erfahrungsschatz auftrumpfen. Aber Vorsicht! Sollte man einmal dezidiert sagen: «Danke für deinen Input, aber ich weiss selbst, wie ich das lösen werde», sind die selbst ernannten Heilsbringer nicht selten beleidigt und können absolut nicht verstehen, wieso wir keinen Wert auf ihre Meinung legen.

In diesem Sinne halte ich es mit einem Spruch meiner Mutter: «Auch Ratschläge sind Schläge.» Oder etwas direkter: «Halt’ bitte einfach deine Klappe, wenn du nicht gefragt wirst!»