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Silvia Aeschbach

In erster Linie Mensch

08. April 2019

Manchmal erfahre ich aus der Zeitung Erstaunliches, und ich frage mich: Spinnen eigentlich alle? Neulich passierte das an einem Tag, der mies gelaufen war und an dem mein Kopf trotz Tablette schmerzte. Also beschloss ich, eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich mein endgültiges Urteil fällte. Acht Stunden später ging es mir wieder gut. Und nach weiteren acht Minuten, die ich brauchte, um den Text über die sogenannte Genderisierung bei deutschen Primarschülern noch einmal zu lesen, fiel meine Reaktion wieder gleich aus: Die Welt spinnt! Laut diesem Artikel fällt es Kindern heute zunehmend schwerer, zu beurteilen, ob sie sich als Mädchen oder Bub fühlen. Und dies könne im konkreten Fall dazu führen, dass manches Kind verunsichert sei, welche Toilette es nun benutzen solle. Als Lösung sah der Autor «genderfluide» WCs, die von allen benutzt werden könnten.

Die Gender-Politik geht davon aus, dass es naturgemäss keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Und dass wir aufgrund unserer Erziehung in unsere Rolle gedrängt werden. Dass mich also die rosa Kleider, die ich als Kind geliebt habe, und die Tatsache, dass ich in meiner Mini-Kinderküche begeistert Kuchen gebacken habe, zu der machten, die ich heute bin: Eine Frau, die nie gut in Mathematik war (Klischee erfüllt), immer noch viel Freude an schönen Kleidern hat (Klischee erfüllt) und – aber, hallo! – trotz früherer Backfreuden heute nicht mehr gerne in der Küche steht. Also war der Versuch meiner Eltern, mich als Mädchen zu prägen, doch nicht hundertprozentig erfolgreich. Denn trotz meiner Vorlieben für «Mädchensachen» war ich ein ausgesprochener Wildfang. Hätten Sie mich als Kind gefragt, ob ich mich als Mädchen oder Bub fühle, ich hätte wohl laut aufgelacht, und geantwortet: «Ich bin doch einfach Silvia!» Und die Tatsache, dass meine energische Mutter zu Hause das Sagen hatte und mein Vater eher weich und verträumt war, hat auch nie dazu geführt, dass ich punkto Geschlechter verwirrt gewesen wäre. Meine Eltern waren einfach Mami und Papi.

Dass ich mich über diesen Artikel aufgeregt habe, hat nichts damit zu tun, dass ich Menschen, die sich in ihrer Identität nicht wohlfühlen, verurteilen würde. Im Gegenteil, ich stelle es mir als schrecklich vor, im falschen Körper zu leben. Auch die stereotypen Vorstellungen, wie sich Männer und Frauen in unserer Gesellschaft zu fühlen oder zu verhalten haben, finde ich völlig veraltet. Aber die Diskussionen, wo jetzt die Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit zu ziehen sei, wenn es diese dann überhaupt gebe, halte ich für absurd. Und nebenbei: Genderfluide Menschen gab es schon immer. Denken Sie an Künstler wie David Bowie oder Mick Jagger, die sich gerade in dieser Hinsicht erfolgreich inszenierten. Und sich sicher nie gefragt haben, welche Identität nun die richtige sei.

Ich habe im letzten Dezember die Eltern meines Grossneffen gefragt, was sich der Kleine, der noch nicht sprechen kann, wohl auf Weihnachten wünsche. Sie meinten, entweder einen kleinen Baukran oder ein Bäbi. Er bekam beides und spielt jetzt abwechselnd damit. Und wie er sich auch immer entwickeln wird, ich bin sicher, er wird von seinem Umfeld in seinen Neigungen und Inte- ressen unterstützt werden. Denn wie für ihn, so gilt für uns alle: In erster Linie sind wir doch Menschen.