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Silvia Aeschbach

Kinder an die Macht

28. Juni 2019

Als Herbert Grönemeyer in seinem Hit forderte: «Gebt den Kindern das Kommando/sie berechnen nicht, was sie tun/ die Welt gehört in Kinderhände …», sangen viele von uns begeistert mit. Seither sind 33 Jahre vergangen. Viele meiner ehemaligen Mitsänger sind heute Eltern und beschweren sich immer wieder über ihre Teenager, die (maul-)faul seien, mit den falschen Kollegen herumhingen und schlechte Noten nach Hause brächten. Ich muss dann lachen, weil ich genau weiss, wie sehr meine Freunde ihren Nachwuchs lieben.

Wenn heute allerdings am Familientisch gestritten wird, geht es seltener um Taschengeld oder Hausaufgaben, sondern um den Klimaschutz. Das Vorbild der Heranwachsenden ist auch kein Youtube-Star und keine Popsängerin, sondern die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Die 16-jährige Schwedin war Initiantin des «Schulstreiks für das Klima».

Zu akzeptieren, dass das eigene Kind für seine Ideale auf die Strasse geht, ist das eine. Dieses Wohlwollen kann jedoch schnell in Unmut umschlagen, wenn sich die 13-Jährige weigert, Erdbeeren («nicht saisongerecht!») oder Avocado («gahts no!») zu essen. Oder wenn sie vor dem bevorstehenden Autokauf fordert: «Wenn schon so ein Schmutzteil, dann wenigstens ein E-Auto!» Und so mancher Streit kann eskalieren, wenn sich das «Pubertier» weigert, für die Sommerferien ins Flugzeug zu steigen. Fehlt nur noch der Grossvater, der lästert: «Zuerst demonstrieren und danach den Billighamburger futtern und den Abfall liegen lassen.» Spätestens dann stellt sich die Frage: «Darf ich mir mein Leben von meinem Kind diktieren lassen?»

Es ist doch so: Jede Generation hatte ihre eigene Rebellion. Auch die heutige Jugend hat das Recht (und auch die Pflicht), sich für ihre Ideale einzusetzen. Müssen wir darüber nicht sogar froh sein? Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde jungen Menschen nämlich vorgeworfen, sie seien verwöhnt und nur auf Konsum fixiert.

Zugegeben: Wir Erwachsenen sehen die Welt meistens differenzierter. Unser ehemaliges Schwarz-Weiss-Denken ist realistischen Grautönen gewichen. Wir wissen, wie schwierig es ist, Gegensätze unter einen Hut zu bringen, und dass Probleme wie der Klimawandel so riesig sind, dass wir manchmal lieber nichts mehr davon hören möchten. Wir sind uns bewusst, dass es nicht genügt, statt des Weihnachtsshoppings in New York nur noch jeden zweiten Monat einen Städtetrip zu machen. Und ja, es ist ein erster Schritt, auf nachhaltige Kleidung und Ernährung zu setzen. Aber nur ein erster Schritt. Solche Widersprüche dürfen allerdings nicht dazu verwendet werden, die Jugendlichen mundtot zu machen.

Ohne Idealismus und Engagement keine Entwicklung. Darum sollten wir Kinder und Jugendliche ernst nehmen und mit ihnen diskutieren. So können wir Kompromisse finden – etwa vor dem Autokauf erklären, dass wir uns das E-Auto (noch) nicht leisten können, die Idee aber gut finden. Und ein gemeinsamer Veloausflug macht Spass, ist umweltfreundlich und tut auch dem Familienklima gut.