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Silvia Aeschbach

Kompensieren mit Shaqiri

06. Mai 2019

Manchmal gibt es durchaus auch an einem drögen Montagmorgen etwas zu lachen. Dann nämlich, wenn man ein Foto auf der Webseite der grössten Schweizer Boulevardzeitung sieht, auf dem ein Schweizer Nati-Fussballer – von Insidern auch «Kraftwürfel» genannt – aus einem riesigen, schwarzen Auto steigt. Und diesem einen so liebevollen und stolzen Blick zuwirft, als wäre sein Objekt der Begierde nicht vierräderig, sondern ein Topmodel à la Gisèle Bündchen. Aber Xherdan Shaqiris neuste Eroberung ist eben keine langbeinige Schönheit, sondern ein Luxusschlitten. Genauer gesagt ein Rolls-Royce, Modell Wraith Black Badge. Das Bild rührte mich, weil es zeigte, dass auch Shaq gewisse Kompensationen braucht. Natürlich in einer anderen Dimension, als wir Normalsterbliche das tun: Verführt mich ein schlechter Tag dazu, wieder einmal ein neues Blüschen zu shoppen, leistet er sich eben einen Rolls, dessen Katalogpreis bei 370 000 Franken liegt. Shaqiri ging es zu diesem Zeitpunkt beruflich nicht gerade blendend. In den vorherigen sechs Partien seines Clubs FC Liverpool hatte er zuschauen müssen und war nicht zum Einsatz gekommen. Aber der «kraftvollste Rolls-Royce aller Zeiten» war für ihn sicher ein nettes Trostpflaster.

Das Kompensieren hat in unserer heutigen Gesellschaft einen denkbar schlechten Ruf. Doch seien wir ehrlich, wer kompensiert nicht? Selbst wenn es nur das Feierabendbier oder der zweite Teller Spaghetti Carbonara nach einem mühsamen Arbeitsalltag ist. Ich kann den Wunsch, die eigene Stimmung oder den Selbstwert gelegentlich etwas aufzupolieren, nicht grundsätzlich negativ finden. Solange ich weder meine Gesundheit noch mein Konto nachhaltig schädige. Beispiel gefällig? Ich lebe heute einen stabilen Alltag, der meinem Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnis entgegenkommt. Trotzdem sehne ich mich ab und zu nach jenen Zeiten, in denen mein Leben Achterbahncharakter hatte. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag mein heutiges Leben. Jedenfalls meistens. Aber der Mensch sehnt sich ja bekanntlich nach dem, was er nicht (mehr) hat. In meinem Fall wäre das – sinnbildlich – etwas mehr Tote Hosen als Patent Ochsner.

Aber weil ich heute weder über die Nerven noch über die Tränenkapazität früherer Tage verfüge, ist mein gelegentliches Kompensationsverhalten ziemlich jugendfrei: Nach Lesungen mit meinen Kolumnen oder Büchern fahre ich meistens zu später Stunde im Auto nach Hause. Im Radio läuft dann meine Lieblingsmusik auf höchster Lautstärke. Dazu trinke ich – nein, natürlich keinen Schampus! – ein Fläschchen gezuckertes Coca-Cola und futtere Gianduja- Pralinés. Daheim angekommen, liegen Mann und Hunde oft schon im Tiefschlaf – jedenfalls tönt es danach –, während ich mich ausziehe und, nein, nicht in verführerische Seidendessous schlüpfe, sondern in mein bequemes, auf der Heizung vorgewärmtes Pyjama. Um mich danach aufs Sofa zu werfen und ein paar Folgen schlafraubender «Real Crime»-Serien auf Youtube zu geniessen. Und das Beste an diesem Mini-Rock-’n’-Roll-Leben? Ich kann bei diesen eher seltenen Gelegenheiten am nächsten Morgen bis in die Puppen ausschlafen.

Merke: Die Bedürfnisse ändern sich. Wichtig ist nur, dass man sie hin und wieder auslebt. Denn zu wenig Genuss macht bekanntlich ungeniessbar.