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Silvia Aeschbach

Leben im Schaufenster

04. Februar 2019

Vielen Menschen ist es sehr wichtig, ihr Privatleben zu schützen. Umgekehrt sind es genau die gleichen Zeitgenossen, die ziemlich neugierig sind, wenn es darum geht, herauszufinden, was denn bei anderen so läuft. Egal, ob sie sich regelmässig über das Liebesleben von Promis informieren (wie ich) oder ob sie zeitaufwendig recherchieren, wer denn wohl die geheimnisvolle Freundin des alleinstehenden Nachbarn ist, die ihn immer am Wochenende besucht. Nichts gegen ein gewisses Mass an Voyeurismus, das unzählige Schriftsteller und Regisseure inspiriert hat. Wie den Altmeister Alfred Hitchcock, der 1954 den Klassiker «The Rear Window» («Das Fenster zum Hof») gedreht hat. Da ist der Sensationsfotograf Jeff vorübergehend an den Rollstuhl gefesselt und vertreibt sich die Zeit, indem er durch sein Fenster seine Nachbarn im gegenüberliegenden Wohnblock beobachtet. So glaubt er, Zeuge eines Mordes geworden zu sein. Hochspannung pur!

Als ich kürzlich mit meinen beiden Hunden auf dem Abendspaziergang war, entdeckte ich Überraschendes in meinem Quartier. Die grossen Fenster einer Parterrewohnung waren hell erleuchtet und erinnerten mich an Schaufenster grosser Warenhäuser. Ich konnte nicht anders: Ich musste stehen bleiben und aus der schützenden Dunkelheit auf diese ungewöhnliche Szenerie starren. Doch es schien sich kein Drama à la Hitchcock anzubahnen – das Drehbuch ging eher Richtung Familienidyll: Die Einrichtung war modern und geschmackvoll. Der junge, gut aussehende Vater hielt ein Baby in seinen Armen, das selig zu schlummern schien. (S)eine Frau stand an der Kücheninsel und bereitete ein Fondue vor. Im Hintergrund tanzte ein hübsches, langhaariges Teenager-Girl mit Kopfhörern. Und am langen, festlich gedeckten Holztisch sass ein älteres Paar (Eltern/Schwiegereltern, die zu Besuch waren?). Ich konnte zwar nicht hören, was gesprochen wurde, aber die Stimmung schien gut.

Irgendwie gefiel mir diese Szenerie, die so gar nicht in das Quartier mitten in der City passen wollte. Und als ich am nächsten Abend wieder zum Abendspaziergang aufbrach, war ich fast ein bisschen aufgeregt. Was würde ich heute Abend zu sehen bekommen? Würde es eine Fortsetzung des Wohnzimmer-Movies geben? Ich mache es kurz: Der Film wiederholte sich, nur dass die Gäste am langen Tisch fehlten. Und am Ende der Woche ging ich fast achtlos an den hell erleuchteten Fenstern vorbei. Eigentlich schade, wie schnell man sich an Ungewöhnliches gewöhnt, wenn es sich wiederholt und nichts Überraschendes passiert. Und so tauschte ich nach meiner Heimkehr die «Schaufenster»-Wohnung gegen einen Hitchcock-Thriller ein. Manchmal ist die Fiktion eben doch spannender als der Alltag.