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Silvia Aeschbach

Mein Weg zur Dancing Queen (2)

26. August 2019

Ein Mann, in den man sich verlieben könnte und mit dem man auch auf der Tanzfläche harmoniert, ist schwer zu finden. Lange Zeit hoffte ich, dass sich das Tanzen mit Liebe und Leidenschaft verbinden liesse. Auf der Leinwand gab es ja durchaus einige Vorbilder, denen man nacheifern konnte. Wobei mir der Sinn damals weniger nach John Travoltas fabelhaftem Hüftschwung aus «Saturday Night Fever» stand, sondern eher in Richtung von Patrick Swayzes subtil erotischer Tanzkünste in «Dirty Dancing» ging.

Inzwischen bin ich realistischer geworden. Genau wie der olle Travolta, der endlich eingesehen hat, dass ein Toupet und ein schlecht gefärbter Haaransatz ihn nicht jünger, sondern nur lächerlicher machen, und der heute endlich zu seiner Glatze steht. So bin auch ich der Überzeugung, dass das Leben nun mal keine Hollywood-Schnulze ist, sondern eher ein Studiofilm eines Jungregisseurs mit hochfliegenden Plänen und kleinem Budget. Mehr «Real Life» als glamouröse Romanze.

Dass Tanzen und Verführung innig verbunden sind, ahnte ich allerdings schon als kleines Mädchen, nachdem ich als Fünfjährige eine Aufführung von «Schwanensee» hatte besuchen dürfen. Leider wurde meine aufkeimende Hoffnung, eine Ballerina zu werden, im Keim erstickt. Da ich in den Ballettstunden, die ich von meinen Eltern erbettelt hatte, starkes Heimweh nach meiner abwesenden Mutter entwickelte, bat die Lehrerin, dass man das weinende Kind doch nicht mehr zum Unterricht bringen möge, da es «ein Störfaktor» sei.

Die Freude am Tanzen liess ich mir trotzdem nicht nehmen. Bei den ersten Teenager-Partys im Velokeller meiner Eltern harmonierte ich diesbezüglich sehr gut mit Walter. Leider waren wir eher Kumpel als Knutschkugeln. In der Mittelschule kultivierten meine Kollegen und ich das «Stehtanzen», eine eher bewegungslose Sache, die danach nahtlos in die Phase des «Free Dance» überging, bei der es allerdings mehr um Erweiterung des eigenen Bewusstseins als um die Verführung des Gegenübers ging. In den nächsten Jahren war die Anzahl der Jungs und Männer, die mir gefielen und auch tanzen mochten und konnten, verschwindend klein. Ganz im Gegenteil zu jenen Typen, die ich wortwörtlich an der Backe hatte und die sich beim Engtanzen wie Affenbabys an mich klammerten.

Leider ist auch mein Ehemann ein Tanzmuffel. Als ich ihn vor über 20 Jahren kennenlernte, merkte ich bald, dass er die besondere Fähigkeit kultiviert hatte, sich genau dann zu verdünnisieren, wenn alle die Tanzfläche stürmten. Aber das war immer noch besser als die Einlage, die er auf einer Weihnachtsparty gab, als er feuchtfröhlich zu den Klängen von Jimi Hendrix Luftgitarre spielte. Bevor wir vor drei Jahren Hochzeit feierten, überkam mich der gewagte Wunsch, meinen Bräutigam in einen Tanzkurs zu schleppen. Ganz unbegabt konnte er ja nicht sein, hatte er doch mehrmals und voller Stolz erklärt, dass er in jüngeren Jahren Rock ’n’ Roll getanzt habe. Jetzt konnte er es beweisen und mit mir eine flotte Sohle aufs Parkett legen. Die Party war toll. Die Musik auch. Ich tanzte viel. An einen gemeinsamen Hochzeitstanz mit dem Angetrauten erinnere ich mich jedoch nicht. Vielleicht habe ich diesen auch nur verdrängt. Der Liebe hat es jedenfalls nicht geschadet.