X

Beliebte Themen

Silvia Aeschbach

Multitasking für Fortgeschrittene

27. Mai 2019

Auf einige meiner Fähigkeiten bin ich zugegeben ein bisschen stolz. Zum Beispiel darauf, wie ich mehrere Dinge parallel erledigen kann. Ich kann am Telefon eine Freundin mit Liebeskummer trösten. Dazwischen mit einem Auge eine Serie auf Netflix verfolgen und dazu meinen Lieblingsquark löffeln. Dieses Multitasking beherrschen bekanntlich vor allem Frauen. Ich bezweifle allerdings, dass es sich dabei um ein natürliches Talent handelt, ich glaube eher, dass es aus der Not geboren wurde, weil wir für so viele Dinge Verantwortung tragen müssen oder wollen. Und, wenn man einmal über 50 ist, hat man keine Zeit mehr zu verlieren.

Doch kürzlich passierte etwas, das dazu führte, meine «Fähigkeiten» kritisch zu überdenken. Ich sass mit meiner Schwester Jeannette in einem Café. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für eine Familienfeier. In kurzen Gesprächspausen warf ich immer wieder einen Blick auf mein Handy, das neben mir auf dem Tisch lag. Ich erwartete keine Nachricht, aber bekanntlich hat man immer das Gefühl, dass man etwas verpasst. Vor mir auf dem Teller lag ein warmer, duftender Schinkengipfel. Und da ich vor Hunger fast umkam, murmelte ich: «Darf ich?», und biss hinein, obwohl Jeannette noch auf ihr Essen wartete. Ich war der Überzeugung, voll auf unser Gespräch konzentriert zu sein, schliesslich hörte ich ihr ja zu. Also, wenn ich nicht gerade das Handy checkte oder einer ehemaligen Schulkollegin zuwinkte, die ich in einer Ecke des Cafés entdeckt hatte.

Plötzlich sagte Jeannette in ungewohnt scharfem Ton: «Findest du es anständig, dass du dich gleichzeitig so vielen Dingen widmest, während ich dir vis-à-vis sitze?» Zuerst bemerkte ich den offensichtlichen Ernst der Lage nicht und scherzte leichthin: «Ich bin halt Multitaskerin. Aber ich verstehe, dass du nicht mithalten kannst, schliesslich bist du ja bereits zweifache Grossmutter.» Ich wartete einen Moment auf eine typisch schwesterlich-schnippische Antwort, aber Jeannette schaute mich nur an und sagte ruhig: «Dann viel Spass dabei», stand auf und verliess das Lokal, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Für einen Moment fühlte ich mich wieder wie die Achtjährige, die von ihrer 16-jährigen Schwester gescholten wird. Ohne lange zu überlegen, sprang ich auf. Es war mir egal, dass ich dabei ein Wasserglas umstiess und meine Handtasche zurückliess. Ich wollte nur meiner Schwester hinterhereilen und mich für mein Verhalten entschuldigen. Draussen schaute ich nach links und rechts, keine Jeannette. Da legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter. Als ich mich umdrehte, stand sie vor mir und grinste frech: «Das hast du verdient. Anders hättest du nicht gemerkt, dass du mit deinen zahlreichen Aktivitäten etwas runterfahren solltest.»

Ich wusste nicht, ob ich sauer oder froh reagieren sollte. Ich beschloss, ihr zu verzeihen. Als wir wenig später wieder im Café bei einem Erdbeertörtchen zusammensassen, gab ich ihr insgeheim recht. Was ich natürlich nie zugegeben hätte. Aber ich beschloss, mich künftig nicht mehr mit drei oder vier Dingen gleichzeitig zu beschäftigten, sondern, mich mit zwei oder drei zu begnügen. Jedenfalls, wenn meine Schwester in der Nähe ist.