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Silvia Aeschbach

Nein danke!

18. Februar 2019

Was löst der Begriff Dankbarkeit in Ihnen aus? Bekommen Sie ein angenehm wärmendes Gefühl in der Magengegend? Oder zieht sich Ihr Magen eher zusammen? Dies, weil Sie immer noch die mahnende Stimme Ihrer Mutter im Ohr haben, die Sie tadelte, wenn Sie beim Mittagstisch Ihren Teller nicht aufessen wollten. «Sei dankbar, dass du zu essen hast. In Afrika hätten die armen Kinder Freude, wenn sie etwas zu essen hätten.» Damals ergab dieser Spruch für mich keinen Sinn: Denn welches Kind, wo immer es auch lebte, mochte grusigen Spinat?

Die Erziehungsmassnahmen fruchteten übrigens nichts. Ich hasse Spinat auch heute noch.

Doch zurück zur Dankbarkeit und zur Tatsache, dass diese momentan ungemein im Trend liegt. So hat auch die wohl berühmteste Popsängerin der Welt, die US-Amerikanerin Ariana Grande, diesem Gefühl und all ihren verflossenen Lovern kürzlich den überaus erfolgreichen Song «Thank U, Next» gewidmet. Das Video dazu wurde übrigens bis Mitte Februar 2019 auf Youtube mehr als 290 Millionen Mal angeklickt. Im Speziellen widmete die Sängerin das Lied einem ihrer Ex-Freunde, dem Rapper Mac Miller. Dieser starb im September 2017, erst 26-jährig, an einer Überdosis.

Dankbarkeit ist im Mainstream angekommen. Egal, wie schwierig die eigene Situation auch sein mag, es gibt immer Dinge, für die man dankbar sein muss. Und da man im Leben immer auch etwas zurückgeben sollte, drücken wir dem Penner grosszügig einen Zweifränkler in die Hand. Und hoffen, so nebenbei auch ein paar Bonus-Karma- Punkte gesammelt zu haben. Doch wehe, wenn wir manchmal nicht fähig sind, Dankbarkeit für die gute Gesundheit zu empfinden, weil andere Sorgen zu gross sind – das Geld zu knapp, die Rechnungen zu hoch und die beruflichen Anforderungen erdrückend. Sind wir dann nicht fähig, zu schätzen, was wir haben, also die gute Gesundheit, ist die Gefahr gross, dass wir uns als Versager fühlen.

Es gibt vieles in meinem Leben, für das ich von ganzem Herzen dankbar bin. Aber es gibt auch Ereignisse und Entwicklungen, mit denen ich hadere. Schwierige Lebensphasen, an denen ich auch im Rückblick nicht viel Gutes finden kann – selbst wenn sie mich menschlich weitergebracht haben. Und ich habe auch keine Lust, den gnädigen Schleier des Vergessens über die Vergangenheit zu legen und zu frohlocken: Ich bin für alles, was mir passiert ist, dankbar! Denn der Schmerz und die Tränen, die damit verbunden waren, waren ein (zu) hoher Preis. Wenn ich Aussprüche höre wie: «Ich bin dankbar für alles Schwere, das ich erleben durfte, denn es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin», denke ich: schön für dich. Aber ich brauche kein Leiden, um das Glück richtig zu empfinden. Und vielleicht wäre auch Ariana Grande gerne etwas weniger dankbar – selbst wenn ihr diese Erfahrung Millionen aufs Konto gespült hat –, wenn ihr Ex-Freund noch leben würde.

Glück ist deine Entscheidung

Diese Woche erscheint Silvia Aeschbachs neues Buch «Glück ist deine Entscheidung – mein Jahr bei den Ältesten und was ich von ihnen gelernt habe» (mvgverlag). Zwölf Porträts von Männern und Frauen zwischen 80 und 100 Jahren.