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Silvia Aeschbach

Symphonie im Grünen

10. Juni 2019

Das kleine, italienische Café an einer der Haupteinkaufsstrassen in der Londoner City war gut besetzt. Aber ich hatte Glück und fand ein kleines Tischchen. Es war ein sonniger und warmer Samstagnachmittag im Mai. Mir war das Getümmel schnell zu viel gewesen; darum liess ich meine Begleiterin allein weiter- shoppen, während ich mich den wirklichen Genüssen des Lebens hingeben wollte – der Eiskaffee schmeckte so köstlich, wie ich es erwartet hatte – und einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen konnte, dem Beobachten meiner Mitmenschen.

Und hier gab es wirklich viel zu sehen! Die sechsköpfige indische Familie zum Beispiel, in der kein Wort gewechselt wurde und alle nur auf den Displays ihrer Handys rumdrückten. Die beiden schicken Asiatinnen, die die süssen Leckereien, die vor ihnen auf dem Teller lagen, nicht anrührten, sie aber aus jeder möglichen Perspektive fotografierten. Auch die beiden Teenager neben mir schienen wenig Interesse an ihren ofenwarmen Scones zu haben. Unentwegt schauten sie sich in die Augen. Spielten sie vielleicht «Wer blinzelt zuerst»? Nein, ihrem entrückten Gesichts- ausdruck nach waren hier grosse Gefühle im Spiel. Was für eine Verschwendung für die leckeren Scones! In der hintersten Ecke des Lokals erspähte ich eine Frau, die vor einem grossen Teller Spaghetti al pesto sass. Ihr Alter war schwer schätzbar. Sie trug ein altmodisches Kostüm, an dessen Revers eine hellgrüne Blüte befestigt war. Soweit ich das beurteilen konnte, war sie die Einzige im Lokal, die eine warme Mahlzeit ass. Und wie sie dies machte! Beinahe andächtig führte sie die Gabel zu ihrem Mund und schien jeden Bissen zu geniessen. Hin und wieder nippte sie an einem Cocktail- glas, das mit einer giftgrünen Flüssigkeit gefüllt war. Als der Teller leer war, machte sie eine kleine Pause, um sich danach einem mit hellgrünem Marzipan überzogenen Tortenstück zu widmen, das ihr die Kellnerin ohne Bestellung gebracht hatte. Ob die Dame in Grün zur Vorspeise auch einen grünen Salat bestellt hatte, wollte ich von der Kellnerin wissen, als ich bezahlte. «Of course», sagte diese emotionslos. Miss Evergreen sei seit 25 Jahren Stammgast und esse jeden Samstagnachmittag die gleiche Menükomposition. «Nie Erdbeertorte?» Der strafende Blick liess mich schnell verstummen. Ich gebe zu, mein Scherzchen war mässig lustig, aber «Miss Stiff Nose» hätte wenigstens anstandshalber lächeln können.

Auch das Wetter zeigte sich von seiner exzentrischen Seite, als ich das Lokal verliess. Noch vor zehn Minuten hatte die Sonne geschienen, jetzt prasselte Regen nieder. Und natürlich war ich ohne Schirm unterwegs. «Wänd sie bi mir understah», fragte mich eine Stimme in breitem Züridütsch. Überrascht drehte ich mich um. Und hinter mir stand – die «Symphonie in Grün». So viel zum Thema exzentrische Briten. Ich war perplex und es verschlug mir für einen Moment die Sprache. Die Lady in Green schien dies als ablehnende Antwort zu verstehen und marschierte strammen Schrittes davon. Und war, mitsamt dem leuchtend grünen Regenschirm, in der Menge verschwunden. Ich ärgerte mich blau, dass ich sie hatte gehen lassen. Wenn ich wieder in London bin, werde ich wieder in dieses Café gehen. Ich weiss ja, wann ich sie finden werde. Same place, same time. Und ich bin mir sicher: Sie wird mir eine spannende Geschichte erzählen. Die ich mit Ihnen teilen werde.