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Silvia Aeschbach

Thirsty Dancing

25. Februar 2019

«Gehen wir wieder mal tanzen?», fragte mich meine langjährige Freundin Priska in einem so angestrengt-lockeren Ton, dass mir klar war, dies war ein wirklich grosser Wunsch von ihr. Denn wenige Wochen vor ihrem 50. Geburtstag hatte die alleinerziehende Mutter eines Teenagers beschlossen, ihre familiären Aufgaben ein bisschen ruhen zu lassen und wieder mal etwas «Cooles» zu unternehmen. Bevor ich – ohne Lesebrille – den Flyer entziffern konnte, den sie mir unter die Nase streckte, ahnte ich, um was es sich bei dieser Veranstaltung handelte: eine 1980er-Jahre-Party für reifere Menschen. Da ich Priska nicht enttäuschen wollte, würde ich mich dieser Herausforderung stellen. Aber welcher Look eignet sich für einen solch bedeutenden Anlass? Ein bisschen «Material Girl» à la Madonna, kombiniert mit Kim Wildes rosa geschminktem Schmollmund und Kylies Lockenpracht (Perücke?). Später entschied ich mich für einen eher fantasielosen Look: verwaschene Mother-Jeans, Cowboy Boots, ein altes Rolling-Stones-Shirt mit dem legendären Zungen-Logo.

Drei Tage später stand ich, kurz vor 22 Uhr – man sollte solche Anlässe nie zu früh besuchen – auf etwas unsicheren Beinen vor Priskas Haustüre. Ob dies nun vom Prosecco kam, mit dem ich mir ein bisschen Mut angetrunken hatte, oder von den ungewohnt hohen Hacken? Was mich fast umhaute war dann allerdings der Anblick meiner sonst so konservativ gekleideten Freundin: Vor mir stand ein Suzi-Quatro-Double in Mini-Lederjupe, hautenger Bluse und Nietenstiefeln. Priska strahlte mich so freudig an, dass ich mir den Hinweis verkniff, dass Suzi eigentlich ein Kind der 1970er war. Auch Priska war schon etwas vorgewärmt, und so beschlossen wir, das Tram zu nehmen. Dort wurde uns allerdings mehr Aufmerksamkeit zuteil, als ich mir gewünscht hätte. Aber Priska schien die Blicke der anderen Fahrgäste richtig zu geniessen.

Eine Stunde später rockte sie die Tanzfläche so, dass Suzi Quatro stolz gewesen wäre. Auch ich hatte mich von Prince, Blondie und Donna Summer anstecken lassen, war aber froh, dass die meisten Songs keinen Tanzpartner verlangten. Der aufgedrehten Priska hätte ich es allerdings auch zugetraut, dass sie sich bei einem Slow den Nächstbesten geschnappt hätte. Nach einer Stunde wechselte der Sound: Statt der Partykracher waren jetzt Weichspüler dran. Kim Carnes besang «Bette Davies Eyes», Leonard Cohen sehnte sich nach «Suzanne». Als «Forever Young» von Alphaville erklang, war nicht nur der Raum in Dunkelheit getaucht, auch meine Stimmung wurde immer melancholischer. Und während Priska zu «The Time of my Life» aus dem Film «Dirty Dancing» alles gab, unterdrückte ich ein Tränchen (wo sind bloss die tollen Jahre geblieben?) und trank noch ein Gläschen Wein, frei nach dem Motto: «Thirsty Dancing».

Zum Glück wurde die Musik wieder flotter. Und ich wieder fröhlicher. Als wir gegen zwei Uhr in der Früh mit dem Taxi auf dem Heimweg waren, kicherten wir wie Teenies. Nur Priskas Frage: «Wann machen wir das wieder?», überhörte ich geflissentlich. Gewisse Erlebnisse müssen einfach einzigartig bleiben.