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Silvia Aeschbach

Trostpreis oder Hauptgewinn

24. Juni 2019

Auch wenn Sie (noch) keine Erfahrung mit Online-Dating gemacht haben, kennen Sie sicher jemanden, der dazu die eine oder andere Geschichte erzählen kann. Denn im Gegensatz zu früher, als eine Heiratsvermittlerin «späte Mädchen» und «einsame Junggesellen» unter die Haube bringen musste, weiss heute fast jedes Kind, dass «Singles mit Niveau» bevorzugt Akademiker daten möchten. Aber auch Menschen mit weniger Niveau – dafür mit etwas mehr fleischlichen Begierden – haben heute Chancen, auf diese Weise fündig zu werden. Das Angebot ist gross, wenn auch nicht immer ganz übersichtlich.

Während bei gewissen «Seitensprung»-Portalen klar ersichtlich ist, wohin der Hase laufen soll (nämlich in Richtung Schlafzimmer), tummeln sich auf anderen Dating-Apps mehr oder weniger diskret Suchende, die man eigentlich in festen Händen wähnte. So erzählte mir eine Freundin, die seit längerer Zeit online unterwegs ist, dass sie auf der wohl bekanntesten Flirt-App zwei Kollegen «begegnet» sei. Einem verheirateten Arbeitskollegen und dem Mann einer Freundin, mit der sie zum Glück nicht mehr viel Kontakt hat. Sehr amüsiert hat mich, dass es bei der gleichen App eine eigene «Abteilung» für suchende VIPs gibt, die für «Normalsterbliche» nicht einsehbar ist. Ich fragte mich, welche Kriterien man wohl erfüllen muss, um da aufgenommen zu werden. Reicht es, eine sogenannte B- oder C-Promi zu sein, oder bekommen nur Schweizer A-Promis Zugang zu diesem elitären Club bekommen? Dann allerdings wäre das Dating-Spektrum sehr klein.

«Glaubst du», fragte ich darum kürzlich meinen Angetrauten, «dass ich Chancen hätte, da als ‹Bestseller- autorin› bei den VIPs aufgenommen zu werden? Undercover, sozusagen, damit ich später eine Story über meine Erlebnisse schreiben könnte?»

«Vergiss es», sagte er lachend, «keine Chance!»

Was er damit genau meinte, weiss ich nicht so genau. Meinte er etwa, dass ich nicht einmal Cervelat-Promi-Status hätte? Oder dass er nicht möchte, dass ich auf diesem Gebiet recherchiere? Hoffen wir, dass er Letzteres meinte.

Doch zurück zum Dating-Field, das manchmal wirklich ein Minenfeld ist. Ja, es stimmt: Es gibt sie immer noch, die 60-jährigen Männer, die so eine «adäquate» Partnerin suchen, «die sowohl im Bikini als auch im Abendkleid eine gute Figur macht». Die aber bitte nicht älter als 35 sein darf. Und ja, Single-Frauen über 50 tun sich schwer, eine neue Beziehung zu finden. Und es stimmt, es ist nicht schwierig, auf einer App einen Mann oder eine Frau für gewisse Stunden zu finden. Aber eine echte Begegnung, die einem ein paar Schmetterlinge in den Bauch zaubert? Oder sich sogar noch weiter entwickeln könnte?

Auch wenn sich auf diesen Apps und Portalen viele männliche und weibliche «Trostpreise» finden, bedeutet das nicht, dass nicht auch der Hauptgewinn dabei sein könnte. In meinem Freundeskreis tut sich nämlich Erstaunliches. Gleich zwei neue Paare haben sich online gefunden, eines davon ist im Hochzeitsfieber. Eine ehemalige Chefin hat ihren Liebsten auf einer Flirt-App kennengelernt und ist heute, allen Unkenrufen zum Trotz, glückliche Mutter eines kleinen Sohnes. Und einer meiner ältesten Kollegen, der schon lange im Ausland lebt, hat über eine Gay-App seinen neuen Lebenspartner kennen- und lieben gelernt.

Jemand Neuen kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen, ihm das Herz zu öffnen, braucht Mut. Denn seien wir ehrlich, mit zunehmender Erfahrung fällt das nicht leichter. Aber egal, ob der erste Schritt virtuell oder in der Realität gemacht wird: Ohne ihn zu wagen, gibt es keine Chance auf ein kleines oder vielleicht sogar auf ein grösseres Glück.