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Silvia Aeschbach

Von Nasenbären und Brillenschlangen

13. Mai 2019

Wer früher als Kind eine Brille tragen musste, war nicht zu beneiden. Vor allem Mädchen wurden schnell einmal als «Brillenschlangen» verspottet. Ich erinnere mich an meine Klassenkameradin Patricia, deren Eltern aus Palermo nach Winterthur gezogen waren und hier die Missione Cattolica leiteten. Ihr zierliches Gesicht wurde von einem riesigen Brillengestell mit flaschenbodendicken Gläsern verdeckt. Die hüftlangen, braunen Haare flocht ihre Mutter zu strengen Zöpfen. Sie trug ausschliesslich knielange Jupes und manchmal, wenn sie in der Mission beim Mittagsservice helfen musste, auch in der Schule eine Schürze. Und weil sich Patti für so wichtige Themen wie Jungs und Boybands nicht zu interessieren schien, hatten wir wenig Kontakt.

Doch eines hatten wir gemeinsam: Wir hatten von unseren Klassenkameraden beide tierische Übernamen bekommen. Während sie «Brillenschlange» genannt wurde, war ich der «Nasenbär». Nicht, weil ein Riesenzinggen mein Gesicht verunstaltet hätte. Nein, ich besass einen äusserst guten Geruchssinn und konnte vor dem geschlossenen Klassenzimmer sagen, ob die Lehrerin bereits anwesend war. Ihr Parfum verriet sie. Während einer Schulstunde nahm ich einmal einen schwachen Brandgeruch wahr und schlug Alarm. Zuerst wurde ich nicht ernst genommen, aber als ich nicht locker liess, wurde der Abwart beauftragt, nachzuschauen. Und tatsächlich hatten Lausbuben im Schulhof zwei Container mit Altpapier angezündet.

So weit, so positiv. Die Erlebnisse, die mit meiner «Hundenase» verbunden waren, waren jedoch meistens unerfreulicher. Denn wer riecht schon gerne üble Gerüche und Ausdünstungen im Massstab zehn zu eins? Das für mich wohl prägendste Erlebnis war, als ich als Teenager mit meinem ersten Freund Christoph Schluss machen musste, weil ich seinen Körpergeruch nicht ertrug. Alles Duschen wie auch Seife und Deos konnten diesen nicht übertünchen. Und selbst die heftigste Schwärmerei kann nicht weiterblühen, wenn es einem beim Küssen im dunklen Kinosaal beinahe den Magen umdreht.

Christoph sah ich nach unserer Trennung nie wieder. Patricia schon. Vor einigen Jahren trafen wir uns nach langer Zeit an einer Klassenzusammenkunft. Aus der ehemaligen Brillenschlange war eine Schönheit geworden. Ihre langen Haare, die sie natürlich jetzt offen trug, umrahmten ihr schönes Gesicht. Die dicken Brillengläser waren anscheinend Linsen gewichen. Patti hatte einen Amerikaner geheiratet und lebte nun in den USA. Nach einer Karriere als Model (!) war sie als Immobilienmaklerin tätig und verkaufte, so erzählte sie uns, teure Anwesen an Stars.

Natürlich nannte Patti niemand mehr «Brillenschlange» – sie wurde den ganzen Abend umschwärmt, was mich fast ein bisschen eifersüchtig machte, denn mich nannten alle noch liebevoll «Nasenbär». Doch auch ich sollte an diesem Abend meine drei Minuten Ruhm bekommen. Dann nämlich, als meine ehemaligen Klassenkameraden nicht merkten, dass der teure Wein Zapfen hatte. Ich hatte das bereits durch ein erstes Schnuppern am Glas entdeckt. Einen Moment zögerte ich, meinen Befund mitzuteilen. Sollten doch meine Kollegen den Wein «geniessen». Aber ein «Nasenbär» kann seine Talente eben einfach nicht verstecken.