X

Beliebte Themen

Silvia Aeschbach

Warum Geiz nicht geil ist

14. Januar 2019

Irgendwie kennt doch jeder von uns einen jener Zeitgenossen, der, wenn es in einer Runde im Restaurant ans Bezahlen geht, regelmässig diskret aufs WC verschwindet. Oder bedauernd seufzt: «Sorry, so blöd! Gerade heute habe ich mein Portemonnaie vergessen.» Oder einen dieser Rappen- spalter, die nach dem gemeinsamen Abendessen mit Freunden, und schon lange bevor die Rechnung gebracht wird, genau weiss, wie viel seine Konsumation kostet: nämlich 36 Franken 50. Und dann äusserst grosszügig auf 37 Franken aufrundet: «Der Rest ist dann für Sie, Fräulein!» Und dies, obwohl alle Anwesenden ungefähr das Gleiche gegessen und getrunken haben und man die Rechnung gleichmässig aufteilen könnte (es geht also nicht darum, dass man eine halbe Flasche Wein bezahlen müsste, die man nicht konsumiert hat).

Immer wieder amüsieren mich die meist alten Damen, die im Café minutenlang und lautstark darüber diskutieren können, wer jetzt die helle Schale und das Vermicelle zahlen muss: «Nein, du hast doch das letzte Mal bezahlt, Gertrud! Jetzt bin ich dran!» Aber dann frohlockend das gesparte Nötli wieder einstecken, während sie im Brustton der Überzeugung seufzen: «Aber gell, das nächste Mal bin ich dann dran. Aber ganz sicher!»

Mag das letzte Beispiel durchaus einen spielerischen Unterton haben – vielleicht handelt es sich ja auch um ein jahrelang eingespieltes Ritual –, so kann ich den anderen Geizhälsen überhaupt nichts Positives abgewinnen. Geizige Menschen sind mir echt zuwider. Aber Achtung, ich spreche hier nicht von Sparsamkeit, die viele Menschen heute leben müssen, weil das Leben teuer und der Lohn knapp ist. Für mich hat Grosszügigkeit, oder eben das Gegenteil, der Geiz, nichts damit zu tun, wie viel Geld man auf dem Konto hat oder eben nicht. Und ich habe in meinem Leben viel mehr wohlhabende Geizhälse kennengelernt als arme Schlucker, die auch dann gerne geben, wenn es, sprichwörtlich gesagt, ihr letztes Hemd ist. Grosszügigkeit ist eben eine Charaktereigenschaft. Und nicht umsonst gibt es die Redewendung: «Bei den Reichen lernt man sparen.»

Wenn jemand Freude an jedem gesparten Franken hat, sei es ihm gegönnt. Vielleicht ist ein gefülltes Sparkonto für diese Person ja ein Ruhekissen in dieser unsicheren Welt. Auch wenn sie es ja nicht mitnehmen kann, wenn sie dann einmal abtreten muss. Aber Menschen, die nicht nur mit sich selber, sondern auch mit anderen geizig sind, sind mir trotzdem nicht geheuer. Denn für mich bedeutet dies nichts anderes, als dass diese Person nicht nur in materiellen Dingen, sondern auch auf der emotionalen Ebene nicht teilen und geniessen kann. Weil sie eben ständig am auf- und ausrechnen ist, wer jetzt wie viel gegeben hat und wem sie etwas schuldig ist. Das sind dann auch die Menschen, die nichts annehmen können, weil sie sich dann moralisch in der Schuld des anderen fühlen. Oder, wie es der Psychologe Oskar Holzberg im Magazin «Brigitte» treffend formulierte: «Ein wahrer Onkel Dagobert geht ohnehin keine tiefe Bindung ein. Er möchte nichts teilen, schon gar nicht sein Leben.»