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Silvia Aeschbach

Weihnachten im Frühling

03. Juni 2019

Lange Zeit war ich kein Fan von Familienfesten. Denn diese waren oft mit Stress, Überforderung und zu hohen Erwartungen verbunden. So erlebte ich jedenfalls als Kind und Jugendliche solche Tage. Ich tauschte mich zu diesem Thema oft mit Freundinnen aus. Auch sie erinnerten sich an seltsame Spannungen, die speziell vor und an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern in der Luft lagen. Es konnte ja nur schiefgehen, wenn Mütter bei diesen Anlässen auf die Anerkennung und Dankbarkeit ihrer Lieben hofften. Oder die Kinder enttäuscht wurden, weil der heiss ersehnte Hase nicht als Spielgefährte Einzug hielt, sondern in Form eines Bratens auf den Tisch kam. 

Obwohl unser Familienleben unter dem Jahr meistens harmonisch war, sank an Weihnachten die Stimmung oft auf den Nullpunkt. Die Mechanismen waren stets dieselben: Meine Mutter legte alle Energie in die Vorbereitung0 des Festes. Für die engagierte Hausfrau war die perfekte Planung die unbedingte Voraussetzung für glanzvolle Feiertage. Es wurde also gebacken und eingekauft, die Wohnung wurde festlich geschmückt. Ich war voller Vorfreude und konnte es nicht verstehen, dass an Heiligabend all dieser Zauber irgendwie verflogen war.

Selten konnte meine Mutter die Früchte ihrer Anstrengungen geniessen. Sie war einfach zu erschöpft und schlief nicht selten frisch frisiert und im schönsten Kleid noch vor der Bescherung ein. Wurde dann schliesslich ausgepackt, ärgerte sich mein Vater, dass sich das Weihnachtspapier häufte. «Was für eine Verschwendung!», grummelte er. O du fröhliche! 

An all dies musste ich denken, als kürzlich die Taufe meines Grossneffen bevorstand. Obwohl ich mich freute, schwang auch ein bisschen Sorge mit. Natürlich hatte sich die «Besetzung» unserer Familie über die Jahre verändert, es gab viele liebe, neue Gesichter. Leider konnten meine Eltern die Geburt ihrer Urgrosskinder nicht mehr erleben: Die zwei kleinen Buben, einer von ihnen sollte an diesem Frühlingssonntag getauft werden, brachten neuen Schwung in die Familie.

Und so sassen wir nach einer stimmungsvollen Taufe beim Festessen in einem gemütlichen Restaurant. Die Stimmung war fröhlich und entspannt. Trotzdem tauchten vor meinem Inneren immer wieder Bilder von früher auf, die mich für einen kurzen Moment traurig machten. 

Ich konzentrierte mich auf meine Grossneffen, die auf einer Decke am Boden spielten, während sich ihre Mütter und Väter abwechselnd um sie kümmerten. Vielleicht lag es an der Sonne, die in den Raum fiel, vielleicht am selbstvergessenen Ausdruck des Festkindes, das versuchte, mit Holzklötzchen einen Turm zu bauen. Jedenfalls erinnerte mich dieser Blick an meinen Vater. So hatte er ausgesehen, wenn er seine geliebte klassische Musik hörte. Genau in diesem Moment fiel aller Druck von mir ab. Es war gut, wie es war. Ich war mir sicher: Wäre mein Vater heute dabei, würde er sich nicht an den bunten Geschenkpapieren stören, die überall auf dem Tisch herumlagen. Manchmal ist Weihnachten im Frühling.