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Silvia Aeschbach

Wenn die Liebe ihre Spuren hinterlässt

21. Januar 2019

Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio einen Song des deutschen Rappers Sido, in dem er beschreibt, welche Bedeutung seine vielen Tattoos haben, die er sich im Lauf des Lebens hat stechen lassen. Dass sie ihn an einzigartige Begebenheiten, spezielle Menschen oder unwiederbringliche Momente erinnern. Seine Haut ist zu einer Art Landkarte geworden, auf der die verschiedensten Symbole, Zahlen und Zeichnungen stellvertretend für die Höhen und Tiefen seines Lebens stehen. Dies ist jedenfalls meine Interpretation des Songtextes «1000 Tattoos».

Ich habe durchaus eine Schwäche für gewisse Tattoos, vor allem auch für gewisse Träger. Aber so sexy ich David Beckham mit seinen flächendeckenden Verschönerungen finde, für mich käme ein Tattoo nicht infrage. Nicht zuletzt, weil ich mich nicht der schmerzvollen Tortur des Stechens aussetzen möchte. Trotzdem habe ich mir kürzlich überlegt, welche Dinge, Erlebnisse, Menschen oder Tiere ich wohl auf meiner Haut verewigen würde. Solche, die für mich unvergesslich oder einfach unglaublich wichtig sind und waren. Mir fielen durchaus einige ein. So würden mein viel zu früh verstorbener Hund Jil oder gewisse Jahreszahlen und Symbole, die für zauberhafte Erlebnisse stehen, einen solchen (versteckten) Ehrenplatz finden.

Und so verstehe ich auch die tiefere Bedeutung eines Tattoos (und damit meine ich nicht belanglose Verzierungen à la «A…geweih»). Man will öffentlich zeigen, was einem lieb und wichtig ist oder war. Oder welche für einen prägende Menschen man nie vergessen will. Schön, wenn es der verstorbene Opa wird, der einen auf dem Unterarm an tolle Kindheitserlebnisse erinnert, schwieriger allerdings, wenn einem am Morgen beim ersten Blick in den Spiegel das Konterfei des Exfreundes entgegenlächelt, das man sich oberhalb des Herzens hat tätowieren lassen. Und nicht nur Prominente kennen das Problem, ein ungeliebtes Tattoo verschwinden zu lassen. Manche erfinden auch mehr oder weniger originelle Varianten, um einen Schriftzug zu verändern.

Johnny Depp zum Beispiel, der den Namen seiner Ex-Freundin Winona Ryder in «Wino forever» korrigieren liess. Sicher spülte sich Depp schon damals seinen Kummer mit dem einen oder anderen Gläschen runter, was vielleicht auch dazu führte, dass die Schreibweise etwas gar frei interpretiert wurde. Wein wird ja auf Italienisch bekanntlich mit V geschrieben. Aber Johnny verzeihen wir ja auch heute noch einiges. Auch wenn in den letzten Jahren nicht nur noch Hochprozentigeres als «Wino» sichtbare Spuren hinterlassen hat, bleibt Depp, mit oder ohne (falsch) geschriebenen Tattoos, ein toller Schauspieler.

Mit zunehmendem Alter erfahren wir alle: Das Leben und seine Umstände können sich manchmal sehr schnell ändern. Und was mich betrifft, so brauche ich keine sichtbaren Zeichen, um mich an unvergessliche Momente und aussergewöhnliche Menschen zu erinnern. Auch sie sind bei mir eintätowiert. Allerdings nicht auf der Oberfläche der Haut, sondern viel tiefer – in meinem Herzen.