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Silvia Aeschbach

Wie sag ichs meinem Nächsten? (1)

16. September 2019

«Ich bring ihn um», schäumt meine Freundin Dani, und macht so dem Cappuccino Konkurrenz, der vor ihr steht. He! Habe ich etwas verpasst? Denn Kurt, dem diese Mordlust gilt, ist ihr Liebster, mit dem sie seit 18 Jahren glücklich verheiratet ist. Jedenfalls so glücklich, wie man mit zwei Teenager-Söhnen, einer Schwiegermutter im gleichen Haushalt und einer schlecht bezahlten Halbtagesstelle sein kann. Nicht zu vergessen Labrador-Welpe Kurti, der ihr den ganzen Tag am Bein klebt. Der Hund war der innigste Wunsch des 13-jährigen Beni, jedenfalls bevor er entdeckte, dass er seine Schulkollegin Mia doch noch ein bisschen lieber hat als Kurti – auch, weil Mia nicht fünf Mal am Tag Gassi gehen muss.

Wie so oft sind es also die Kleinigkeiten des Alltags, die auch Danis Beziehung torpedieren. «Er macht immer so komische Geräusche beim Autofahren», erzählt sie mit todernster Miene. «Jedes Mal, wenn ihn einer auf der Autobahn überholt, gibt er den gleichen, üblen Zischlaut von sich», sagt sie und zischt vor sich hin. Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Wenn das alles ist, was meine Freundin an ihrem Mann nervt, hat sie bei Euromillions gewonnen.

«Ja, lach nur», giftet sie mich an. «Weisst du, wie oft ich das höre, wenn wir mit dem Auto meine Mutter in der Westschweiz besuchen? Oder wenn wir nach Italien in die Ferien fahren? Dann sitzt nicht mein Mann neben mir, sondern eine züngelnde Klapperschlange.»

Manchmal sind es eben nicht die klischierten Socken, die nicht im Wäschekorb landen, oder der Abfallsack, der regelmässig in der Küche stehen bleibt. Es sind, viel perfider, die klitzekleinen Ticks des anderen, die uns zur Weissglut bringen. Fand man es nach dreiwöchiger Beziehung noch «süss», dass der neue Freund nach jedem Essen im Restaurant mit einem Zahnstocher in seinem Gebiss pulte, befällt einem nach dreimonatiger Beziehung bereits ein Hauch von Ärger, wenn er die Stäbchen umständlich aus dem Papier schält. Und nach drei Jahren versteckt man die Zahnstocher bereits vor der Bestellung des Essens in der eigenen Handtasche. Dies, weil man erkannt hat, dass es absolut nichts bringt, wenn man sein Gegenüber auf alle verschiedenen Arten – von humorvoll bis unmissverständlich – darauf hingewiesen hat, dass einen dieser Tick nervt. Ein Tiefenpsychologe würde sein Verhalten vielleicht als passiv-aggressives Machtspielchen gegenüber weiblicher Autorität deuten. Denn er sagt, die Liebste erinnere ihn in dieser Beziehung an seine Mutter, die vor vielen Jahren versucht habe, ihm bessere Manieren beizubringen. Was er noch heute ablehne.

Blödsinn! Denn nicht nur Männer haben solche «Mödeli». Ich bin sicher, auch mein Mann könnte einige Eigenschaften aufzählen, die ihn an mir nerven. Wie die Geräusche, die ich mache, wenn ich minutenlang mit meinen Fingern auf der Bettdecke herumklopfe, wenn ich nicht schlafen kann. Ich mache das ja nicht, um ihn zu ärgern. Vieles passiert unbewusst, und wir kompensieren mit diesen kleinen Ticks Gefühle wie Ungeduld, Unsicherheit oder Ärger, und mit der Zeit werden sie zu Gewohnheiten.

Wie aber sagt man jemandem, den man gern hat oder den man liebt, dass einen gewisse Dinge am Gegenüber wirklich stören? Mehr dazu nächste Woche!