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Reportage

Bio mit jeder Faser

Kleidung, Bettwäsche und Tücher aus Bio-Baumwolle: Seit 25 Jahren gibt es unter der Coop-Eigenmarke Naturaline nachhaltig produzierte Textilien.

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Remo Naegeli, Heiner H. Schmitt, ZVG, Karte: Janina Noser
17. Februar 2020

«Am Anfang war es eher ein Versuch respektive ein Hobby», sagt Patrick Hohmann (69), wenn er an die Anfänge des biologischen Baumwollanbaus in Indien und Tansania zurückdenkt. Diese liegen 30 Jahre zurück. «Ich hatte einen Bauern gefragt, wie es ihm geht mit dem Baumwollanbau und wie viel er verdient», erzählt Hohmann. Er war bereits seit 1983 im Baumwollgarnhandel tätig, als er die Handelsfirma Remei AG ins Leben rief. Hohmann stellte fest, dass das Einkommen der Baumwollbauern nicht zum Leben reichte. «Also suchte ich nach einer Anbaumethode, mit der sich die Bauern weniger verschulden müssen.» Im Markt habe sich allerdings kaum jemand für nachhaltig produzierte Baumwolle interessiert.

Verbesserung für die Bauern

Das änderte sich nach einigen Jahren. Coop klinkte sich ein und lancierte 1995 die Eigenmarke Naturaline für Textilien aus 100 Prozent Bio-Baumwolle. Das verhalf Hohmanns Idee zum Durchbruch und veränderte das Leben von mittlerweile fast 5000 Baumwollbauern und ihren Familien. Gemeinsam gründeten die Detailhändlerin und die Remei AG 1997 die «bioRe»-Stiftung. Während Remei für den Baumwollhandel sowie die Herstellung von Textilien zuständig ist und den Bauern den Rohstoff zu einem fairen Preis abkauft, kümmert sich «bioRe» in den Anbauländern um den Aufbau der Infrastruktur und um soziale Themen wie Ausbildung, Gesundheitsversorgung oder Ernährung. Zudem fördert sie die biologische Landwirschaft und betreibt Saatgutforschung.

Dass Textilien aus nachhaltig produzierter und fair gehandelter Baumwolle auch ein Kundenbedürfnis sind, zeigen die Zahlen: Coop ist seit Jahren die weltweite Nummer eins auf diesem Gebiet.

1. Anbau
In Tansania wird die Baumwolle unter Bio-Richtlinien ohne den Einsatz synthetischer Pflanzenschutzmittel angebaut. Der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut ist in Tansania staatlich verboten. Die Bauern profitieren von Abnahmegarantien und einer Bio-Prämie. Auch die Entkernung geschieht in Tansania. 

2. Verarbeitung
In Indien wird die Rohbaumwolle zu Garn gesponnen. Daraus werden dann die Stoffe gestrickt. Chlorfreies Bleichen und das Färben ohne toxische Schwermetalle sind Teil des strengen Standards zum Schutz von Umwelt und Menschen. 

3. Konfektion
Die Konfektion – also das Zuschneiden des Stoffs und das Nähen der Kleidungsstücke – passiert in verschiedenen Ländern. Das Kleidungsstück, das hier als Beispiel dient (siehe Bild), wurde in Litauen hergestellt. Die Angestellten erhalten faire Löhne und menschenwürdige, geregelte Arbeitsbedingungen.         

4. Verkauf
Vom Coop-Verteilzentrum in Wangen bei Olten SO aus gelangen die Naturaline-Textilien in der Schweiz in den Verkauf. Erhältlich sind sie in grösseren Coop-Läden und in Coop-City-Warenhäusern.

Patrick Hohmann 

Patrick Hohmann ist Gründer der Remei AG und Mitbegründer der Stiftung «bioRe».

«Der Bio-Anbau ist unsere einzige Chance»

Remei und «bioRe» sind in Indien und Tansania tätig. Warum gerade dort?

Ich hatte Geschäftsbeziehungen in beiden Ländern. Dort kam die Idee des Bio-Anbaus an, der Anfang lief aber harzig. Erst als Coop Interesse zeigte, nahm das Ganze Fahrt auf.

Können Sie das ausführen?

Ohne die Marke Naturaline wäre dieses Ausmass an biologisch produzierter Baumwolle und Textilien nie möglich gewesen. Das gilt auch für die Entwicklung von gentechfreiem Saatgut für Indien und weitere Projekte, an denen Coop beteiligt war und ist.

Was hat sich für die Bauern verbessert?

Sie können sich auf uns als Partner verlassen. In Tansania haben wir grossen Erfolg: Alleine 2019 haben sich 20 Dörfer gemeldet, die sich am Projekt beteiligen wollen. Sie sehen die Vorteile der Fruchtfolge, des Anbaus und der verbindlichen Partnerschaft, etwa bei der Preisfindung.

Wie ist die Situation in Indien?

Dort haben wir das Problem, dass genmanipuliertes Saatgut weit verbreitet ist. Dieses ist aber für den Bio-Anbau nicht erlaubt. Nach zehn Jahren Forschung und Entwicklung haben wir nun endlich Samen, die wir einsetzen können. Den Bauern haben wir stets den Mehrpreis für Bio bezahlt, obwohl wir ihre Baumwolle am Ende nicht verwenden konnten.

Gab es weitere Schwierigkeiten oder Rückschläge?

In der Landwirtschaft ist es ein Auf und Ab. Der Bauer ist abhängig vom Wetter und es scheint, als ob es grössere Ausschläge gibt als früher. Die Baumwollfelder sind zum grössten Teil nicht bewässert, sodass die Bauern vom Regen abhängig sind. Es gibt jedoch kaum mehr ein Jahr mit normalen Niederschlagsmengen – mal ist es zu viel, dann wieder zu wenig. «bioRe» unterstützt die Bauern auch in solchen Extremsituationen.

Wo liegt das grösste Potenzial für die Zukunft?

Das Potenzial liegt in den verbindlichen Partnerschaften, mit denen es möglich ist, langfristige Projekte aufzugleisen. Wir schaffen lebenswürdige Umstände, in denen sich der Bauer entwickeln und zu einer guten Landwirtschaft beitragen kann. Ich meine erkannt zu haben, dass eine gesunde Landwirtschaft ein gesundes soziales Umfeld mit sich bringt.

Was sind die Herausforderungen?

Offensichtlich kommen vermehrt Wetterkapriolen auf die Bauern zu. Um diese auszugleichen, müssen wir für Artenvielfalt sorgen sowie für durchlässige Böden. Beim Bio-Anbau werden die Böden gelockert und können so mehr Wasser schlucken. Daher sehe ich das als einzige Chance für die Zukunft.

Nachvollziehbar

Vom Feld in den Laden

Seit 2013 können Konsumentinnen und -konsumenten zurückverfolgen, woher das Produkt von Naturaline kommt, das sie gekauft haben. Textilien mit dem Gütesiegel «bioRe Sustainable Textiles» haben ein eingenähtes Etikett. Darauf befindet sich neben einem QR-Code, den man mit dem Handy scannen kann, auch ein Zahlencode. Gibt man diesen auf der Webseite von «bioRe» ein, sieht man auf einer Karte den Weg, den die Baumwolle zurückgelegt hat – vom Anbau über die Verarbeitung zum Stoff bis hin zur Fertigung des Endprodukts.