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«Wir sind alle enger zusammengerückt»

Das Jahr 2020 hatte es in sich. Coop-Chef Joos Sutter über den Lockdown, den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten und seine Sehnsucht nach einem Handschlag.

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Heiner H. Schmitt
27. Dezember 2020

Joos Sutter, das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Was war das Eindrücklichste für Sie?

Sicher der Zusammenhalt unter den Mitarbeitenden von Coop. Wie sich die Leute in dieser speziellen Zeit gegenseitig unterstützen und motivieren, ist eindrücklich. Wir sind alle enger zusammengerückt. An dieser Stelle möchte ich allen Mitarbeitenden von Coop ein grosse Dankeschön aussprechen.

Wie erlebten Sie den Beginn der Pandemie?

Es war gewaltig, wie schnell und mit welcher Wucht das Virus uns erreichte. Zuerst waren es nur ein paar Fälle in China, dann immer mehr, dann war Italien betroffen, und kurz darauf war das Tessin schon ein Hotspot.

Und dann kam die Stunde null, als der Bundesrat den Lockdown verhängte. Gibt es einen Schlüsselmoment, an den Sie sich erinnern?

Das war sicher der Moment, als die Bundespräsidentin vor die Medien trat und zur Schweizer Bevölkerung sprach. Ich verfolgte die Pressekonferenz live am Fernsehen – das war sehr eindrücklich, diesen Moment werde ich wohl nicht mehr vergessen.

Was waren zu Beginn der Pandemie die grössten Herausforderungen?

Unsere Verantwortung war enorm: Wir mussten gleichzeitig die Grundversorgung aufrechterhalten und den Schutz der Kundinnen und Kunden sowie der Mitarbeitenden garantieren. Das war sehr, sehr herausfordernd.

Gab es bei der Versorgung kritische Momente?

Die gab es auch, klar. Zum Beispiel in der Logistik, oder als es plötzlich zu Engpässen bei einzelnen Artikeln kam. Wir waren stark gefordert, weil wir so etwas ja alle zum ersten Mal erlebten. Mir war klar, dass wir ruhig bleiben und uns auf die Lösungen fokussieren mussten. Die Lernkurve war zum Glück steil, und wir hatten die dringlichsten Probleme schnell in den Griff bekommen.

«Der Zusammenhalt in der Pandemie wurde stärker.»

 

Konnte Coop auf Bewährtes zurückgreifen oder mussten Sie stark improvisieren?

Wir hatten zum Glück einen guten Pandemieplan in der Schublade. Aber eine Krise verläuft nicht immer nach Plan. Was zum Glück von Anfang an gut funktionierte, war der Krisenstab, den wir sofort einsetzten.

Wie tankten Sie selber in dieser Zeit Kraft?

Zu Hause bei der Familie und in der Natur. Ich ging oft spazieren, und liess die Ruhe auf mich wirken. Das ist meine Art der Erholung, das tut mir gut.

Wie erlebten Sie die Mitarbeitenden an der Front, in den Filialen und in der Logistik?

Ich war viel in den Filialen und in den grossen Logistikzentren und habe unzählige Gespräche geführt. Ich wollte, dass die Leute sehen, dass ich ihnen zur Seite stehe und die Unterstützung nicht bloss Lippenbekenntnisse sind. Ich erlebte bei den Mitarbeitenden sehr viel Identifikation mit der eigenen Arbeit und mit Coop, das war eindrücklich.

Hatten Sie selber nie Angst vor einer Ansteckung?

Nein, eigentlich nicht. Klar, ich war vorsichtig und hielt mich an die Hygiene- und Abstandsvorschriften, aber Angst hatte ich keine. Für mich war es eher ein Thema, dass ich andere vor einer Ansteckung schützen musste, weil ich oft unterwegs war und viele Leute traf. Aber auch da verhielt ich mich sehr vorsichtig.

Wie erlebten Sie die Kundinnen und Kunden von Coop?

Sehr ruhig, sehr diszipliniert. Ich erinnere mich an lange Schlangen vor den Filialen im Tessin oder im Welschland. Die Leute hielten Abstand und waren geduldig.

Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte: Es gab grosse Solidaritätsbekundigungen seitens der Kundschaft gegenüber Coop…

Das hat mich sehr berührt, ja. (Joos Sutter macht an dieser Stelle eine längere Pause.) Man muss sich vorstellen: Die Leute zeichneten mit Kreide Grussbotschaften oder Herzen vor die Filialen und brachten Kuchen oder sogar Couverts mit Bargeld als Dankeschön in die Läden. Üblicherweise wird die Grundversorgung ja als etwas ganz Normales angesehen. Diese Sympathiebezeugungen waren enorm.

Hat dieses Jahr Sie persönlich verändert?

Ich glaube schon, ja. Die eigenen Werte ändern sich nicht. Aber deren Ausprägung wurde stärker. Zum Beispiel, was den Austausch mit Menschen betrifft oder die Kommunikation und das Fällen von gemeinsamen Entscheiden. Der Zusammenhalt wurde stärker.

Coop-CEO Joos Sutter vor seinem Büro am Hauptsitz in Basel.

Wie meisterte Coop diese Krise wirtschaftlich?

Das kann ich noch nicht abschliessend sagen, die Krise ist leider noch nicht vorbei. Grundsätzlich ist es aber so, dass sich unsere Strategie mit den zwei Sparten Gross- und Detailhandel sehr gut bewährt. Die starken Bereiche konnten die schwächeren stützen. Wir spüren ein grosses Vertrauen seitens der Kundschaft und haben viele neue Kundinnen und Kunden dazu gewonnen, das stimmt mich optimistisch.

Der Ausnahmezustand dauert schon beinahe ein Jahr. Was vermissen Sie persönlich am meisten?

Sicher die Nähe zu den Menschen. Die unkomplizierten Begegnungen mit Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen. Ich würde gerne wieder mal jemandem die Hand schütteln oder unbeschwert und ohne Maske miteinander lachen können. Das vermisse ich schon.

Was wünschen Sie sich und Coop für 2021?

Ich wünsche allen, dass wir diese Pandemie gut zu Ende bringen. Die Impfung wird sicher ein Thema werden. Dass wir gesund bleiben und uns weiterhin gut unterstützen und solidarisch zeigen, ist das Wichtigste. Aber ich gehe davon aus, dass auch das nächste Jahr noch ein sehr spezielles Jahr werden wird, das uns allen viel abverlangt.

Was machen Sie an Silvester?

Ich werde im kleinen Kreis der Familie feiern. Das hat auch etwas Schönes: Man rückt sicher nochmals näher zusammen.

Joos Sutter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.