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REPORTAGE

«Freizeitpark» Friedhof

Der Friedhof ist ein Ort der Trauer und des Gedenkens – auch am 22. November, dem reformierten Totensonntag. In den vergangenen Jahren haben sich jedoch viele Schweizer Begräbnisstätten zu Landschafts-, Erholungs- und Kulturpärken gewandelt.

13. November 2020
Auf dem Basler Hörnli, demgrössten Friedhof der Schweiz, fand diesen Sommer eine Ausstellung statt.

Auf dem Basler Hörnli, demgrössten Friedhof der Schweiz, fand diesen Sommer eine Ausstellung statt.

Die Corona-Pandemie hat einen erstaunlichen Nebeneffekt: Die Friedhöfe füllen sich. Mit Lebenden. Bedingt durch die Einschränkungen, welche die Seuche mit sich bringt, haben viele Menschen die Natur und die Ruhe wiederentdeckt. Und sie suchen Orte auf, an denen sie Menschenansammlungen aus dem Weg gehen können. Reto Hufschmid (55), stellvertretender Leiter Kreis Hörnli auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen bei Basel: «Kamen früher hauptsächlich Grabbesucher und Hinterbliebene zur Verrichtung von Grabpflegearbeiten, sind es heute vermehrt Parkbesucher, die hier Ruhe, Natur und Stille suchen», sagt er.

Das 1932 eröffnete Hörnli ist mit seinen rund 48 000 Grabstätten und 54 Hektaren der grösste Friedhof der Schweiz. Und er ist der einzige mit eigenem Busbetrieb. Bekannt ist das Hörnli zudem für die zahlreichen Rehe, die dort leben. Nicht nur Spaziergänger, Ruhe­suchende und Lesende sind neben Trauernden auf dem weitläufigen Gelände anzutreffen, sondern auch Jogger. Da­rüber hinaus bietet das Hörnli Lebensraum für teils seltene und geschützte Tiere und Pflanzen, weshalb es ins Inventar der schützenswerten Natur­objekte des Kantons Basel-Stadt aufgenommen wurde.

Sihlfeld als Erholungsort

Ganz ähnlich sieht es auf dem 28 Hektar grossen Friedhof Sihlfeld in Zürich aus, der grössten Ruhestätte und der grössten zusammenhängenden Grünfläche der Stadt. «Auf dem Sihlfeld und den anderen Zürcher Friedhöfen sind ebenfalls mehr Leute anzutreffen als früher», sagt Rolf Steinmann (57), Leiter des Bestattungs- und Friedhof­amts der Stadt Zürich. Der Friedhof Sihlfeld eignet sich speziell gut als Erholungsort, weil er nur zu knapp einem Drittel mit Grabfeldern belegt ist.

«So wie sich die Friedhofkultur in den letzten Jahren stark verändert hat, müssen und wollen wir den Bedürfnissen der Be­völkerung entsprechen.»

Rolf Steinmann

Friedhöfe sind heute wesentlich mehr als nur Begräbnisstätten: Sie sind auch Veranstaltungsorte. So findet seit 2014 jeweils am dritten September-Wochenende der Tag des Friedhofs statt, der auf stetig wachsendes Publikums- interesse stösst. Dieses Jahr boten die teilnehmen­den Institutionen zum Beispiel (garten-)historische Rundgänge an, Harfenkonzerte, Bildhauer-Demonstrationen, Führungen zu Promi-Gräbern, ökolo­gische Erläuterungen, Infoveranstaltungen von Friedhofsimkern oder Referate rund um Leben, Sterben und Verstorbene.

Es läuft jedoch nicht nur an diesem einen Wochenende etwas auf den Schweizer Friedhöfen. Die Verwaltungen bemühen sich auch in der restlichen Zeit des Jahres, die Orte mit Veranstaltungen zu beleben. So fand 2020 auf dem Hörnli die Ausstellung «Zeit Los Lassen» mit 26 Wortbildern und bis zu vier Meter hohen Buchstaben statt. Überdies gibt es immer wieder Führungen oder Orgelkonzerte in den Kapellen. «So wie sich die Friedhofkultur in den letzten Jahren stark verändert hat, müssen und wollen wir den Bedürfnissen der Be­völkerung entsprechen», erklärt Reto Hufschmid. «Wir sind bemüht, mit speziellen Informations- und Kultur­veranstaltungen auf unser vielseitiges Angebot aufmerksam zu machen.»

Für die Leute sindFriedhöfe nichtmehr nur eineStätte der Trauer,sondern auch einOrt der Erholung.

Im «Friedhof Forum» des Sihlfeld in Zürich finden Ausstellungen, Lesungen und Vorträge statt, ebenso wie ein Trauer-­Stammtisch. Mit Fachveranstaltungen nimmt das Forum zudem jeweils an der langen Nacht der Zürcher Museen teil. Rolf Steinmann: «Wir möchten die Themen Sterben, Tod und Bestattung auf eine gute Art unter die Leute bringen.» Und man denkt bereits grösser. «Die Besucher und Besucherinnen sollen sich in Zukunft besser orientieren können. Das neue Personenleitsystem, welches im Sommer 2021 als Pilotprojekt auf dem Sihlfeld starten wird, möchte die Stadt Zürich gleichzeitig nutzen, um Informationen und Wissen weiterzugeben», erklärt Steinmann. «Dazu werden wahrscheinlich Rundgänge gehören, um den Friedhof auf andere Weise erlebbar zu machen. Uns schweben dabei Themen wie Kulturgeschichte, Kunst, Flora und Fauna oder Promi-Gräber vor.»

Auf dem Sihlfeld haben beispielsweise die Schriftsteller Gottfried Keller (1819–1890) und Hugo Loetscher (1929–2009) ihre letzte Ruhe gefunden, ebenso wie der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant (1828–1910). Bei den teils alten Grabmälern wird moderne Technik Einzug halten. Steinmann: «Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Tafeln mit QR-Codes anbringen werden, die man mit dem Handy scannt, um mehr über die begrabene Person zu erfahren.» Das könnte sich dereinst zu einem regelrechten Publikumsmagnet entwickeln, denn immerhin gibt es auf den Zürcher Fried­höfen insgesamt 900 historische Grabmäler.

Digitalisierte Friedhöfe

Der QR-Code ist übrigens auch bei den Grabsteinen «normaler» Menschen ein Thema. 2008 in Japan erfunden, sind QR-bestückte Mahnmale inzwischen in Deutschland oder Holland anzutreffen. Rolf Steinmann weiss zwar von keinem solchen Stein in der Schweiz, ein entsprechendes Gesuch – in Zürich müssen alle Grabsteine bewilligt werden – gab es aber tatsächlich schon einmal. «Die Idee war, das Pixelmuster direkt in den Stein zu meisseln. Sie wurde dann aber doch nicht umgesetzt.» Dennoch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch in der Schweiz die ersten QR-Code-Steine auftauchen, dank derer man etwas über das Leben und die Persönlichkeit der Verblichenen erfährt oder sich zum Beispiel in ein Trauerbuch eintragen kann.

«Die Idee war, das Pixelmuster direkt in den Stein zu meisseln. Sie wurde dann aber doch nicht umgesetzt.»

Rofl Steinmann

Neben der Funktion des Friedhofs hat sich überdies die Bestattungskultur in den vergangenen Jahren verändert. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, kommen Erdbestattungen zunehmend aus der Mode. Die Bestattung unter Bäumen, Wiesengräber sowie Gemeinschaftsgräber dagegen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Einige Friedhöfe haben darauf mit speziellen Themen-Gemeinschaftsgräbern reagiert: So etwa der Friedhof Bümpliz in Bern mit «Blumen & Blüten», der Friedhof Feldli in St.Gallen mit «Engel» und «Lebensbaum», der Friedhof Bremgarten in Bern mit «Rosen», der Friedhof Friedental in Luzern mit dem «Eichenwaldgrab» oder der Friedhof Nordheim in Zürich mit dem «Staudengarten».

Schwindende Einnahmen

Manche Menschen wählen diese Art der Bestattung, um ihren Angehörigen nach ihrem Tod möglichst wenig Umstände zu bereiten. Die Verwaltungen der gros­sen Friedhöfe beobachten, dass Angehörige die Gräber weniger oft besuchen als früher. «Heute leben die Nachkommen oft nicht mehr in ihrem Heimatdorf oder sogar im Ausland, weshalb Grab­besuche schwieriger sind. Vielleicht ist das der Grund für den Trend zum Gemeinschaftsgrab», erklärt Ernesto Ghenzi (61), Präsident des Verbandes Schweizer Bildhauer- und Steinmetzmeister. Als Folge davon braucht es weniger Grabsteine. «Ich schätze, dass die Zahl der Aufträge in der Schweiz um circa 50 Prozent zurückgegangen ist. Mein Vater fertigte noch zehnmal mehr Grabsteine an als ich.» Warum das so ist, erklärt sich Ghenzi folgendermassen: «Früher bestimmte die Religion das Leben der Menschen. Sie gingen am Sonntag in die Kirche und danach wurden die Verstorbenen auf dem Friedhof besucht. Deshalb war das persönliche Grabmal wichtig für die Angehörigen.»

Rolf Steinmann, Leiter des Zürcher Bestattungs- und Friedhofamts, auf einemspeziellen Grabmalfeld auf dem Friedhof Sihlfeld.

Mit dem Wandel der Gesellschaft und der Bestattungskultur droht allerdings nicht nur bei den Steinmetzen eine wichtige Einnahmequelle zu versiegen. Gleiches gilt auch für die Friedhöfe. «Durch die Abnahme der klassischen Bestattungsarten wird auf den Grab­feldern immer weniger angepflanzt oder gepflegt», erklärt Reto Hufschmid. «Hinzu kommt, dass die Wartungs­verträge zunehmend nur noch für zehn oder gar fünf Jahre anstelle der mög­lichen zwanzig Jahre abgeschlossen werden.»

Um wieder attraktiver zu werden und neue «Kunden» zu gewinnen, bleibt den Gottesäckern nichts anderes übrig, als sich einiges einfallen zu lassen. Das Gute daran: Auf diese Weise sind die Schweizer Friedhöfe zu neuem Leben erwacht.