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Interview

«Man müsste sich auf ein System einigen»

Contact-Tracing ist eines der Schlagworte der Corona-Pandemie. Der Koordinierte Sanitätsdienst und sein Chef Stefan Trachsel gehören zum Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) und spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.

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Peter Mosimann, Keystone
07. Juni 2020
Das Smartphone soll helfen, eine weitere unkontrollierte Verbreitung des Virus zu verhindern: Stefan Trachsel beurteilt die Lage.

Das Smartphone soll helfen, eine weitere unkontrollierte Verbreitung des Virus zu verhindern: Stefan Trachsel beurteilt die Lage.

In ausserordentlichen Situationen wie einer Pandemie sind ausserordentliche Massnahmen notwendig. Zur Bewältigung einer Krise braucht es Strukturen wie den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), der bei Grossereignissen und Katastrophen mit vielen Patienten zivile und militärische Rettungskräfte vernetzt und koordiniert. Während der ersten Corona-Welle sorgten Stefan Trachsel (55) und sein Team für die bedarfsgerechte Verteilung von Beatmungsgeräten, Masken, Schutzanzügen, Armee-Sanitätsfahrzeugen, Triage-Containern, medizinischen Feldbetten sowie Armee-Angehörigen, die beispielsweise Spitäler und die Grenzwacht unterstützten. Nun liegt das Hauptaugenmerk wieder auf dem Contact-Tracing. Auch hier unterstützt der Koordinierte Sanitätsdienst die Kantone.

Warum ist Contact-Tracing plötzlich wieder aktuell?

Die Fallzahlen in der Schweiz sind inzwischen erneut sehr tief. Wir befinden uns also in einer ähnlichen Situation wie Ende Februar zu Beginn der Pandemie. Nur dass wir jetzt vor einer möglichen zweiten Welle stehen, die in den nächsten Monaten kommen könnte. Es gilt also abermals, die Infektionskette möglichst zu unterbrechen.

Weshalb ist das so aufwendig?

Weil bei jeder positiv getesteten Person mit mehreren Kontaktpersonen zu rechnen ist. Das bedeutet, dass nicht nur die positiv Getesteten selbst, sondern auch die jeweiligen Kontaktpersonen einzeln abgeklärt werden müssen. Auch werden all diese Menschen während der häuslichen Quarantäne täglich angerufen und nach ihrem Gesundheitszustand befragt. Zehn positive Fälle ergeben so schnell einmal hundert Telefonate.

Wer ist für dieses Kontaktmanagement verantwortlich?

Die Kantone. Sie stellen die nötigen Ressourcen für dessen Durchführung zur Verfügung und überwachen den Prozess. Den Entscheid zum Start des Kontaktmanagements trifft aber das Bundesamt für Gesundheit aufgrund der nationalen Risiko- und Lagebeurteilung.

Was ist die Rolle Ihrer Organisation beim Contact-Tracing?

Hier unterstützen wir die Kantone koordinierend. So stellen wir zum Beispiel eine kostenlose Contact-Tracing-Software zur Verfügung, den «IES Contact Manager», und bei Bedarf auch Personal für dessen Betrieb. Bereits im Jahr 2009, als in der Schweiz die Schweinegrippe grassierte, kam dieses Tool zum Einsatz. Darin können die Kontaktmanagement-Daten aus dem ganzen Land zentral bearbeitet werden und sind für alle Kantone austauschbar. Dieses System können wir nun wieder brauchen.

«Bereits im Jahr 2009, als in der Schweiz die Schweinegrippe grassierte, kam dieses Tool zum Einsatz.»

 

Dann wird es hoffentlich keine Verwirrung wie bei den Corona-Fallzahlen geben, bei denen sich die Zahlen von Bund und Kantonen oft nicht decken?

Im Prinzip ja. Das Problem ist nur, dass es kein verpflichtendes Gesetz bezüglich des einheitlichen Einsatzes eines Systems gibt. Der Bund kann den Kantonen darum lediglich Empfehlungen abgeben. Im Pandemieplan von 2018 wird der «IES Contact Manager» als gemeinsame Lösung empfohlen. Gegenwärtig verwenden ihn jedoch nur die Armee und vier Kantone. Die anderen Kantone haben eigene Lösungen gefunden.

Das erscheint ziemlich unsinnig.

Ich finde das auch suboptimal. Bei einer Pandemie ist eine dezentrale Lösung nicht gut, man müsste sich auf ein gemeinsames System einigen. Ein nationales Contact-Tracing ist sinnvoll, damit die Übertragungskette auch über die Kantonsgrenzen hinaus verfolgt werden kann. Es wohnen ja beispielsweise viele Menschen in einem anderen Kanton als sie arbeiten. Ohne einheitliches Contact-Tracing-System braucht es Schnittstellen oder manuelle Daten-Übergaben, zum Beispiel per Excel-Listen.

Wie sieht es dabei mit dem Datenschutz aus?

Auch beim Contact-Tracing gelten natürlich die Datenschutzbestimmungen des Bundes. Zudem werden die Daten nach dem Ende der Pandemie gelöscht.

Ergänzt wird das Contact-Tracing mit einer App, welche die ETH Lausanne und die ETH Zürich im Auftrag des Bundes entwickelt haben. Wie funktioniert diese?

Begegnen sich zwei Geräte, auf denen die App installiert wurde und bei denen Bluetooth aktiviert ist, wird über die Stärke des Signals die Entfernung der beiden Smartphones voneinander geschätzt. Befinden sie sich länger als 15 Minuten in weniger als zwei Metern Abstand, speichern beide Geräte diesen Kontakt anonym. Wird einer der Handy-Besitzer später Corona-positiv getestet, erhält er vom kantonsärztlichen Dienst einen Covid-Code, mit dem alle kritischen Begegnungen über die App benachrichtigt werden. Die betroffenen Personen können sich dann an die in der App genannte Hotline wenden.

Viele Menschen fürchten auch hier um die Datensicherheit.

Die Daten bleiben auf den Smartphones selbst und werden nicht zentral gespeichert, was von vielen Datenschützern als sehr sicher bezeichnet wird. Die ETH hat mit ihrem Protokoll namens «DP-3T» eine Lösung entwickelt, die von anderen Ländern übernommen wird.

Wie lange werden die App-Daten gespeichert?

«Laut dem Bundesamt für Gesundheit wird das System abgestellt, sobald die Corona-Krise vorbei ist.»

 

Laut dem Bundesamt für Gesundheit wird das System abgestellt, sobald die Corona-Krise vorbei ist. Es gibt allerdings sowohl bei Google als auch bei Apple Überlegungen, eine solche App künftig ins Betriebssystem der Smartphones zu integrieren, damit man diese im Bedarfsfall lediglich noch aktivieren muss.

Werden Sie selbst die App installieren?

Ja klar. Einerseits aus Interesse, weil ich wissen möchte, wie das funktioniert. Aber natürlich auch aus gesundheitlichen Überlegungen. Zudem ist die App absolut zweckdienlich.

Werden Sie Ihrer Frau und Ihren beiden Töchtern die App ebenfalls verordnen?

Das Herunterladen der App ist freiwillig. Das gilt auch für meine Familie. Aber empfehlen werde ich es ihr schon.

Ganz ehrlich: Haben Sie nicht auch langsam genug von Corona?

Da bin ich ambivalent. Vom beruflichen Standpunkt her befinden wir uns in einer interessanten Phase. Der Ernstfall ist eingetreten, was uns die Möglichkeit bietet, alle Pläne und Abläufe zu überprüfen. Wir wissen nun, was funktioniert und was es noch zu verbessern gilt.

Nicht funktioniert hat die Lagerung ausreichender Mengen an Masken, Schutzkleidung sowie Ethanol zur Herstellung von Desinfektions- mitteln. Die Pflichtlager waren aufgelöst worden.

Das hat mit dem Paradigmenwechsel zu tun, der 2016 vollzogen wurde. Seitdem verfügt der Bund über keinen Pandemievorrat mehr, sondern die Kantone, Spitäler, Sanitätsdienste sind nun dafür zuständig. Der Bund besitzt lediglich noch ein Notlager. Da müssen wir ganz klar über die Bücher gehen.

Ist der Privatmensch Stefan Trachsel Corona-müde?

Mir fehlt das Privatleben, denn seit Ende Februar mache ich nicht viel mehr als arbeiten und schlafen. Als geselliger Mensch vermisse ich zudem Restaurant- Besuche, Einladungen sowie Städtereisen mit meiner Familie. Ich sehne mich danach, wieder unbeschwerter leben zu können und freue mich auf den Tag, an dem ich beim Begriff «Corona» nur noch an ein kühles Bier denke.

Stefan Trachsel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.