Am Abgrund | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Wandern

Am Abgrund

Das Trienttal im Unterwallis ist ein Tummelplatz für Schluchtenfans. Wer die Stufen nicht scheut, wird mit dramatischen Eindrücken belohnt.

25. Mai 2020

STECKBRIEF

Schluchten im Trienttal

An-/Abreise: mit dem Zug via Martigny nach Le Trétien, zurück ab Vernayaz MC (Martigny-Châtelard) oder Vernayaz SBB. Die Route führt an weiteren Haltestellen des Mont-Blanc-Express vorbei und kann abgekürzt werden.

Schwierigkeit: mittel
Technik: 2 von 5
Kondition: 4 von 5

Strecke: 16,5 km
Dauer: 5 Std. 30 Min.
Aufstieg: 700 m
Abstieg: 1300 m

Der Mont-Blanc-Express kämpft sich kraftvoll die steile Rampe von Vernayaz VS Richtung Salvan VS hoch. Auch als Passagier spürt man die Kraft förmlich, die es braucht, um die Steigung zu bewältigen. Die Bahnlinie, 1906 gebaut, ist die schnellste Verbindung vom Wallis ins französische Chamonix. Im Moment endet sie natürlich an der Landesgrenze in Châtelard VS. Doch so weit wollen wir gar nicht.

Filmemacherin Andrea Meier (49) und ich sind unterwegs zur Schlucht Le Triège, die sich ganz in der Nähe der Haltestelle Le Trétien befindet, rund 20 Minuten mit dem Zug von Vernayaz entfernt. Sie ist die erste Station unserer heutigen Tour im Trienttal. Wer sich Zeit für eine etwa fünfstündige Wanderung nimmt, der kann hier an einem Tag gleich drei Schluchten besuchen und durchwandern, die mit spektakulären Panoramen und tosenden Wasserfällen locken.

Die einzige Strasse, die durch den Weiler Le Trétien führt, überquert etwas unterhalb vom Bahnhof die Schlucht Le Triège. Dort befindet sich auch der Eingang zur Schlucht. Über Treppen und Stege – alles gut gesichert natürlich – wandert man die Felsen hoch und ist gefangen vom Geräusch des tosenden Wasserfalls und dem Anblick der zerklüfteten Felswände. Die Runde ist nur knapp einen Kilometer lang, bis man wieder beim Bahnhof Le Trétien ist.

Goldene Vergangenheit

Hier beginnt unsere Wanderung Richtung Salvan auf der Route des Diligences. Der einfache Wanderweg folgt den Spuren der Reisenden der Belle Époque. Er wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut und führte zu einer Blütezeit des Tourismus im Trienttal, in der zahlreiche Hotels entstanden. Diese auch wirtschaftlich erfolgreiche Zeit endete mit dem Ersten Weltkrieg abrupt. Seither liegt die Gegend touristisch etwas brach und im Schatten der grossen Walliser Wintersportregionen.

Das Wasser der Salanfe stürzt in der Dailley-Schlucht 200 Meter in die Tiefe.

Bei Les Marécottes verlassen wir die Route des Diligences und wandern Richtung Les Granges. Wir wollen nicht möglichst schnell nach Vernayaz hinunter, sondern die nächste, spektakuläre Schlucht besuchen. Von Les Granges gehen wir um einen Bergkamm herum ins Vallon de Van und stehen fast unvermittelt mitten in der Dailley-Schlucht. Das Wasser der Salanfe stürzt in mehreren Kaskaden 200 Meter in die Tiefe. Ein herrliches Schauspiel.

Über abenteuerliche, wie an die Felsen geklebte Treppen steigt man die ganze Schlucht hinauf. Wir haben die Treppenstufen nicht gezählt, aber es sind viele. Oberhalb der Schlucht führt der Weg durch den Wald wieder zurück Richtung Salvan.

Verschiedene Sehenswürdigkeiten

Der Ort allein, romantisch auf dem sonnigen Hochplateau gelegen, wäre es wert, länger zu bleiben, wie Luc Pignat (36), Tourismusdirektor des Trienttals, betont. Bekannt ist Salvan unter anderem wegen seines Steinbruchs. Der Stein aus Salvan sei «so hart wie unsere Köpfe», lacht Pignat. Der grünliche Gneis, der «Vert de Salvan», bildet unter anderem die Fassade des neuen Polizei- und Justizzentrums in Zürich. Der Ort bietet aber noch mehr: Ein alpiner Zoo, ein Naturschwimmbad, das in die Felsen eingebettet ist, und das Marconi-Museum stehen Besuchern offen. Letzteres erinnert an den italienischen Erfinder und Physik-Nobelpreisträger Guglielmo Marconi (1874–1937), dem 1895 in Salvan die erste drahtlose Text-Übertragung gelang – und der damit die Grundlage für Telegrafie und letztlich für WLAN schuf.

Etwas unterhalb von Salvan kehren wir auf die Route des Diligences zurück, die nun in gemütlichen Serpentinen gut 400 Höhenmeter hinunter nach Vernayaz führt. Wer hier noch einen Rest Aufmerksamkeit übrig hat, der darf die Trient-Schlucht, die dritte Schlucht unserer Wanderung, nicht auslassen. Sie ist wandertechnisch anspruchslos und führt über ebene Holzstege rund 500 Meter in die Schlucht hinein. Links und rechts erheben sich mächtige Felsen, in die sich der Trientbach in Jahrmillionen hineingefressen hat.

In die Felsen hineingefressen hat sich übrigens auch der Mensch. Die riesige Festung von Vernayaz wird allerdings nicht mehr militärisch genutzt. Heute ist hier die grösste Anlage für ein Abenteuerspiel, Escape-Room genannt, der Schweiz eingemietet. 

Die Le-Triège-Schlucht ist offen. Die Dailley- und die Trient-Schlucht öffnen erst am 8. Juni, die Trient-Schlucht wegen Corona, die Dailley-Schlucht wegen Renovation. Sollte die Dailley-Schlucht nicht durchgehend offen sein, kann man in der Schlucht umdrehen und den gleichen Weg zurückgehen.