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Auf der Pirsch um Saas-Fee

Eine Wanderung in Saas-Fee ist fast eine Safari. Man stolpert zwar nicht grad über Wild, aber wer einen Feldstecher und Geduld mitnimmt, bekommt so einiges zu Gesicht.

FOTOS
Saastal Tourismus AG
27. Juli 2020

STECKBRIEF

Wildtierbeobachtung im Wallis

An-/Abreise: Mit Zug und Bus via Visp VS nach Saas-Fee VS.
Schwierigkeit: mittel
Technik: 3 von 5
Kondition: 3 von 5
Strecke: 11 km
Dauer: 4 Std. 10 Min.
Aufstieg: 560 m
Abstieg: 1360 m

So hatten sich Wildhüter Helmut Anthamatten (60) und Biologe Ralph Imstepf (42) die Wildtierbeobachtung in Saas-Fee VS mit den beiden Journalisten der Coopzeitung nicht vorgestellt: Um 5.30 Uhr in der Früh sind wir losgegangen, damit wir die Berg- und Tierwelt an diesem Morgen für uns haben. Und dann das: Zehn Minuten sind wir durch den «Üssere Wald» gegangen, als uns eine kleine Gruppe Wanderer überholt. Für Anthamatten so etwas wie der Super-GAU. «Jetzt ist das Wild weg», stellt er konsterniert fest. «Rehe und Hirsche, die sich in der Nähe des Wanderwegs aufhalten, ziehen sich sofort in die Tiefe des Waldes zurück, wenn sie Menschen bemerken.» Was Anthamatten da noch nicht weiss: Wir werden im Laufe des Tages noch eine ganze Menge Wildtiere zu Gesicht bekommen.

Doch zunächst fasziniert uns ein Ameisenhaufen am Wegesrand. «Die zeigen ein spannendes Verhalten», erklärt der Wildhüter. Die Arbeiterinnen werden immer von ganz vielen Ameisen begleitet, die nicht arbeiten. «Sie sind einfach Mitläuferinnen. Wenn nun der Staat gestört wird, etwa weil ein Dachs oder Grünspecht ein paar Tausend Tiere frisst, springen die Mitläufer ein. «Sie wissen ja schon, was zu tun ist.»

Mit dem Fernglas auf Wildsuche: Andrea Meier und Thomas Compagno.

 

«Jetzt ist das Wild weg.»

 

Der Wald oberhalb Saas-Fee ist geprägt von Lärchen und Arven. An beiden hängen Flechten wie dicke Spinnennetze herunter. «Die Flechten helfen manchem Wildtier durch die strengen Winter», sagt der Wildhüter. Zwar werde das Wild heutzutage auch in strengen Wintern nicht mehr gefüttert, aber der Wildhüter selber ist dann oft mit der Säge unterwegs und schneidet gelegentlich Äste ab, damit das Wild an die Flechten kommt. «Natürlich in Absprache mit dem Förster», so Anthamatten.

Frühmorgens die besten Chancen

Wir gehen auf unserer Wanderung einen Teil des Höhenwegs zwischen Saas-Fee und Grächen. Der total 20 Kilometer lange Weg ist teilweise sehr exponiert. Hier allerdings, oberhalb von Saas-Fee und Saas-Grund, ist er einfach zu begehen und erlaubt auch mal, den Blick vom Boden zu heben und an die Berghänge zu schauen. Und da entdecken wir sie: Noch bevor die Sonne die Hänge oberhalb von Saas-Fee bescheint, sehen wir die ersten Steinböcke zwischen den Felsen. Eine Gruppe von alten Böcken präsentiert sich mit ihren mächtigen Hörnern. Steinböcke leben das Jahr getrennt. Die Muttertiere sind mit den ganz jungen Tieren zusammen und meiden die Böcke. Auch die ein Jahr alten Jungtiere vertreiben sie, wenn sie ihre Jungen zur Welt bringen. «Die sind zu wild, die würden den ganz jungen nicht guttun», erklärt Biologe Imstepf. «Wenn sie könnten, würden sie wohl rauchen und Bier trinken.»

«Wenn sie könnten, würden sie wohl rauchen und Bier trinken.»

 

Nachdem wir uns an den Steinböcken sattgesehen haben, gehts weiter auf dem Höhenweg. Der ist auch ohne Tierbeobachtungen reizvoll. Kurz darauf, oberhalb von Saas-Grund, entdecken wir Gämsen mit Jungtieren. «So früh am Morgen sind sie noch zu sehen», erklärt Anthamatten. Später, wenn die Sonne die Hänge aufwärmt, ziehen sie sich in schattige Nischen zurück. «Wenn sie den Fellwechsel noch nicht ganz vollzogen haben, wird es ihnen an der Sonne sehr schnell zu warm.»

Ein Tier, dem die Wärme scheinbar nichts ausmacht, ist die Alpenkrähe, wie Ralph Imstepf sagt. Die schwarzen Vögel mit roten Schnäbeln und Füssen waren noch Mitte des 20. Jahrhunderts in den Schweizer Alpen weit verbreitet. Dann brach ihr Bestand ein. «Warum, ist weitgehend unbekannt.» Heute brüten sie nur noch im Wallis und gehören zu den stark bedrohten Brutvögeln. Allerdings wachse ihr Bestand seit dem Jahr 2000 wieder an, sagt Imstepf. «Warum, wissen wir auch nicht.»

Gut getarnt beobachtet ein Murmeltier die Welt vor seiner Höhle.

Steinböcke präsentieren ihre mächtigen, bis zu einem Meter langen Hörner. 

Im Gebiet Stafelälpji machen wir uns an den Abstieg Richtung Bidermatten. Und dann sehen wir doch noch, was Wildhüter Anthamatten schon seit Stunden nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: eine Rehgeiss mit zwei Kitzen mitten auf einer Wiese, kurz darauf noch eine Hirschkuh. Glück gehört eben auch dazu, wenn man bei Wildtierbeobachtungen Erfolg haben will. 

Die auf der im Steckbrief angegebenen Route unterscheidet sich etwas von der Route, die wir für diese Reportage gegangen sind. Sie empfiehlt sich aber sehr für Wildtierbeobachtungen. Vom Bergrestaurant Hannig bis zum Balmiboden verläuft der Steinwildpfad, danach folgt man dem Höhenweg.