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Auf schleichenden Sohlen

Sergio Muster sammelt schon seit seiner Jugend Sneaker. Warum sich das lohnt und wie aus einem einfachen Sportschuh ein Milliardengeschäft wurde.

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Christoph Kaminski
21. Juni 2020
Inmitten seiner Sneaker, da fühlt sich Sergio Muster wohl: «Ich besitze zwischen 800 und 900 Paar.»

Inmitten seiner Sneaker, da fühlt sich Sergio Muster wohl: «Ich besitze zwischen 800 und 900 Paar.»

«Wenn man das so sieht, fragt man sich schon, was ist los mit dem?», sagt Sergio Muster lachend, als er durch sein Reich führt. Hier in seiner Wohnung in Zürich ist ein Zimmer nur den Turnschuhen gewidmet. Bis fast unter die Decke stapeln sich die coolen Treter in unterschiedlichen Farben, schön säuberlich im Regal aufgereiht. Weitere sind in Plastikboxen verstaut und aufeinandergestapelt. «Das ist vielleicht ein Sechstel meiner Schuhe», sagt der 38-Jährige. Gesamthaft besitzt er über 700 Paar, die er im Keller, im Büro, bei den Eltern oder hinter dem Duschvorhang lagert. Wie viele es genau sind, weiss er nicht. «Ich habe mit Zählen aufgehört.» Auch welche Modelle er genau besitzt und wo sich diese befinden, vergisst er immer wieder. Ausser den wahren Schätzen, die hier so unscheinbar im Regal stehen und die für einen Laien nicht von einem stinknormalen Schuh zu unterscheiden sind. «Nur diese Reihe hier hat etwa den Wert eines Kleinwagens», sagt er unbeeindruckt und nimmt dabei lässig ein Paar aus dem Regal. «Das würde momentan etwa 12 000 Franken kosten.»

«Nur diese Reihe hier hat etwa den Wert eines Kleinwagens»

Sergio Muster

Viel Geld für zwei Turnschuhe, könnte man denken. Doch sie sind mehr als das, zum Turnen sind die Schuhe schon lange nicht mehr gedacht. Streng genommen nennt man sie ja gar nicht Turnschuhe, sondern Sneaker. Sie stehen für einen Lifestyle, eine Wertanlage und vor allem ein Milliardengeschäft. Wenn die grossen Sportmarken wie Nike oder Adidas eines ihrer limitierten Modelle rausbringen, dann stehen die coolen Kids weltweit Schlange, campieren vor dem Laden, geben ihr Erspartes aus, um eines der begehrten Paare zu ergattern.

Vom Sportschuh zum Kultobjekt

Der Siegeszug des Sneakers beginnt vor etwa 150 Jahren, als die Gummisohle aus Kautschuk als Alternative zur harten Ledersohle entwickelt wird. 1917 bringt die Firma Keds den ersten Sneaker für Kinder heraus, der später für Erwachsene als Tennisschuh auf den Markt kommt. Die Kids nennen ihre Schuhe Sneaker, weil sie sich dank der leisen Gummisohle gut anschleichen können (aus dem Englischen «to sneak»). Im gleichen Zeitraum entwickelt die Firma Converse gemeinsam mit dem Basketballer Chuck Taylor (1901–1969) den Basketballschuh «Converse All Star», auch «Chucks» genannt, der noch heute zu den beliebtesten Modellen gehört. Ab den 50er-Jahren avanciert der Sportschuh dann zum beliebten Freizeittreter. Schuld daran sind vor allem Stars wie James Dean (1931–1955) oder Elvis Presley (1935–1977), die den Schuh nicht nur aus der Sporthalle hinaustragen, sondern ihn auch zum Objekt der Begierde für Jugendliche machen. In den 80ern sind es dann die Gangs in der New Yorker South Bronx, die Anhänger der Hip-Hop-Kultur, die den Schuh endgültig auf die Strassen dieser Welt bringen. Sneaker werden cool, immer mehr Marken und Modelle fluten den Markt.

Name: Asics Gel-Lyte V «Sneakerness Passport», 
Jahrgang: 2017, Preis: Fr. 350.– (auf 500 Stück limitiert)

Name: Nike Air Force 1 «Sneakerness Zurich 2009» Bespoke, Jahrgang: 2009, Preis: unverkäuflich (gibt es nur ein einziges Mal)

So packt der Hype in den 90ern auch Sergio Muster. «Ich war in der Sek Hip-Hop-begeistert, fand den Basketballer Michael Jordan cool.» Deshalb wollte er auch dessen Schuhe haben: ein Paar «Air Jordans». «Meine Mutter wollte sie mir erst nicht kaufen, die seien viel zu teuer, ich würde ja noch wachsen», erzählt er.

Heute ist der Sneaker längst nicht mehr nur etwas für Teenie-Füsse. Musters Mutter trägt sie jetzt selber. Doch zwischen einem Sneaker, den die eigenen Eltern oder der Banker zum Anzug tragen, und einem Modell, das die Sammler interessiert, besteht ein grosser Unterschied: Zwar sind Sneaker heute gesellschaftlich akzeptiert, die wirklich coolen Modelle aber sind immer noch ein Phänomen der Jugend. Marken wie Nike oder Adidas spannen deshalb schon länger mit Prominenten zusammen, bringen limitierte Auflagen heraus, bestimmen so, welcher Sneaker gerade in ist. Das Angebot des günstig produzierten Massenproduktes wird künstlich verknappt – und so verteuert.

Name: Adidas Futurecraft 4D «Footpatrol», Jahrgang: 2018, Preis: Fr. 1500.–

Name: Nike Air Max 1 «Kidrobot», Jahrgang: 2005,
Preis: Marktwert ca. Fr. 4000.–Laut Gerüchten ist der Schuh in einer limitierten Auflage von 250 Stück erschienen.

Ebenso begehrt wie die limitierten sind Retro-Modelle, die es nicht mehr auf dem Markt gibt. Cool ist, wer ein möglichst seltenes Modell besitzt – deshalb auch die hohen Preise. Der teuerste Sneaker überhaupt hat übrigens gerade erst den Besitzer gewechselt: Das von Michael Jordan (57) getragene Paar «Nike Air Jordan 1S» brachte an einer Versteigerung satte 560 000 US-Dollar ein.

Sneaker als Wertanlage

Doch nicht alles, was eine Gummisohle hat, kann man zu Geld machen. Es braucht Insiderwissen, ein Gespür für Trends und viel Geduld. Wer mit den richtigen Leuten bekannt ist und sich in den Internetforen auskennt, muss nicht mal vor den Läden campieren. Auch Sergio Muster nicht: «Ich bin ein Oldschool-Influencer», sagt er über sich. Das heisst, er ist schon so lange dabei, dass er genug Leute kennt, die ihm die begehrten Modelle anbieten. Früher jedoch, als es in der Schweiz noch keine Sneaker-Läden gab und man sie noch nicht online bestellen konnte, nahm auch Muster einiges auf sich. «Ich bin schon acht Stunden mit dem Zug nach Paris gereist, um dann festzustellen, dass mein Wunschmodell in meiner Grösse ausverkauft war.» Mehrmals flog er nach New York, nur um einen Schuh zu kaufen.

«Ich bin ein Oldschool-Influencer»

Sergio Muster

Trotz der ganzen Mühen, die einige für ein Paar Sneaker auf sich nehmen, wagen sich nicht alle mit ihren Errungenschaften auf die Strasse. Will man die Schuhe irgendwann wertsteigernd weiterverkaufen, sollten sie neu, ungetragen und originalverpackt sein. Und wie bei einem guten Wein – Musters zweiter Leidenschaft – müssen auch Sneaker gut gelagert werden. «Sie sollten verschweisst sein und bei kühlen Temperaturen aufbewahrt werden, sonst vergilben sie.» Dann kann man sie nicht mehr verkaufen. «Früher war ich da noch pingeliger.» Heute sieht er alles etwas lockerer: «Ich habe sie und ziehe sie an.» Obwohl, manchmal, da reut es ihn schon, dass er gewisse Modelle getragen hat. Denn dadurch verlieren sie etwa die Hälfte an Wert. Trotzdem sind auch seine gebrauchten Schuhe immer noch eine gute Wertanlage. «Wenn ich nur ein paar Sneaker verkaufen würde, wäre ich schnell bei 20 000 Franken.»

«Ich habe mit dem Zählen meiner Sneaker aufgehört.»

Sergio Muster

Früher hat Muster noch sein Sackgeld für die Schuhe ausgegeben, neben dem Wirtschafts- und Jurastudium gejobbt. Heute ist er nicht nur Sammler, er hat auch einen Sneaker-Event auf die Beine gestellt, verdient jetzt sein Geld mit den Turnschuhen. An der «Sneakerness», wie die Convention heisst, können sich Liebhaber austauschen, Schuhe kaufen, verkaufen und tauschen. Angefangen hat alles mit einem Apéro, den Muster in Bern für Gleichgesinnte schmiss. Heute zieht die Convention Zehntausende Begeisterte an, ist der grösste Event seiner Sorte in Europa. Die einst kleine Community ist ihrem Nischendasein entwachsen, ein Ende des Hypes nicht absehbar. Das könnte für Muster platztechnisch noch zum Problem werden. «Ich frage mich schon, wie das weitergehen soll, aber es ist wie eine Sucht», sagt er.

Hört man Sergio Muster zu, wie er über seine Leidenschaft spricht, dann kann man sich nicht vorstellen, dass dieser coole Typ seine Füsse auch in Lederschuhe steckt. Doch an seiner Hochzeit, da waren Sneaker tabu. «Ich habe auf die Einladung geschrieben: Wenn ihr Sneaker anhabt, schmeisse ich euch raus.» 

Auch bei Coop City finden Sie eine grosse Auswahl an Sneaker-Modellen für sie und ihn von Marken wie Superga, Skechers oder Candice Cooper.

Sprechen Sie Sneaker?

  • Allblack/Allwhite: Komplett schwarze bzw. weisse Sneaker.
  • Beater: Ein Sneaker, den man im Alltag trägt und deshalb wenig schont.
  • Campout: Das Warten oder eben Campen vor einem Laden, bevor ein neues Sneaker-Modell verkauft wird.
  • Deadstock: Ein ungetragener Schuh in Originalverpackung.
  • Fake: Die unter Sammlern gefürchtete Fälschung eines Sneakers.
  • General Release (kurz GR): Ist das Gegenteil einer limitierten Auflage. Diese Modelle werden in einer hohen Stückzahl produziert. 
  • Holy Grail: Auf Deutsch «der heilige Gral». Bezeichnet den absoluten Lieblingsschuh der Sammlung.
  • Jumpman: So wird das Logo der Produkte des Basketballers Michael Jordan bezeichnet.
  • Last Pick Up: Als letztes gekauftes Paar Sneaker.
  • Near Deadstock: «So gut wie neu». Ein Schuh wurde bereits getragen, weist aber nur geringe Gebrauchsspuren auf.
  • Quickstrike: Von Nike geprägter Begriff. Ein Schuh wird ohne grosse Ankündigung veröffentlicht.
  • Raffle: Ist eine Art Gewinnspiel. Die Gewinner erhalten jedoch nicht den Sneaker, sondern das Kaufrecht für den limitierten Schuh. Damit wollen Shops den Campern entgegenwirken.
  • Sample: Ein unverkäuflicher Prototyp.
  • Sneakerhead: Eine Person, die Sneaker bewundert, sammelt und damit handelt. 
  • Unboxing: Das erste Öffnen einer Schuhbox, das erstmalige Auspacken der Schuhe. Davon gibt es sogar Videos auf Youtube. 
  • VNTG: Kurz für Vintage. Ein alter oder auf alt gemachter Sneaker.
  • WOMFT:  Kurz für «What’s On My Feet Today». Unter diesem Hashtag zeigt der Träger eines Sneakers auf Social Media, was er gerade trägt.