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Voller Überraschungen

Im Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair erhält man nicht nur einen spannenden Einblick in die Geschichte, sondern auch in den Alltag der Nonnen.

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Jürg Goll, Susanne Fibbi, Michael Wolf
15. Juni 2020
Das Kloster St. Johann in Müstair: Seine Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 775.

Das Kloster St. Johann in Müstair: Seine Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 775.

Kloster in Müstair

Ausflugstipps ums Welterbe

Mountainbike: In rund fünf Stunden vom Ofenpass durch das malerische Val Mora bis nach Santa Maria GR im Val Müstair biken.

Handweberei: Besichtigung der letzten grossen Handweberei der Schweiz – der Manufactura Tessanda in Santa Maria.

Museum: Mehr über die 1200 Jahre lange Geschichte erfahren und das Leben der Benediktinerinnen im Klostermuseum kennenlernen.

Buchbar über: www.welterbeticket.ch

Die Nonnen staunten nicht schlecht, als ihr Kloster 1983 in die Liste der Unesco-Welterbestätten aufgenommen wurde. Denn damals befand sich das Kloster St. Johann im bündnerischen Müstair in einem erbärmlichen Zustand: Die Bodenbretter waren lose, aus den Decken rieselte Sand auf die Betten der Schwestern, und bei Niederschlag benötigten sie selbst im Gebäudeinneren Regenschirme. Das ist Geschichte: Dank aufwendiger Restaurierungsarbeiten während den letzten Jahrzehnten präsentiert sich die Klosteranlage heute in neuem Glanz. Davon überzeugen kann man sich bei einem Besuch der Klosteranlage und des Museums.

Und auch das ist Geschichte: Weil die Klosteranlage während ihres über 1200-jährigen Bestehens nie völlig zerstört worden ist, repräsentiert sie nun eine ebenso lange Baugeschichte. Analysen der Holzbalken im originalen Mauerwerk der Kirche zeigen nämlich, dass die beim Bau verwendeten Bäume im Jahr 775 gefällt worden sind.

Überhaupt arbeiten Forscher seit Jahrzehnten akribisch die Geschichte des Klosters auf. Und dieses entpuppt sich immer wieder als historische Wundertüte. So fanden die Wissenschafter beispielsweise heraus, dass die Heiligenkreuzkapelle nicht wie angenommen aus romanischer, sondern bereits aus karolingischer Zeit stammt; damals, im 8. Jahrhundert, beherrschten die Karolinger einen Grossteil Europas. Und auch das Alter des Plantaturms konnten die Forscher aufgrund wissenschaftlicher Analysen um 600 Jahre korrigieren: Jetzt weiss man, dass der Turm mit seinem eigentümlichen Pultdach aus dem Jahr 960 stammt und damit der älteste Wohn- und Wehrturm im ganzen Alpenraum ist.

Die Benediktinerinnen des Klosters St. Johann beim Chorgebet.

Mit den Nonnen beten

Das Kloster St. Johann, das die Benediktinerinnen Mitte des 12. Jahrhunderts von den Mönchen übernahmen, kann noch mit weiteren Superlativen auftrumpfen: Hier steht auch die älteste Monumentalstatue von Karl dem Grossen (747–814). Und in der Klosterkirche befindet sich der weltweit grösste und besterhaltene Freskenzyklus aus dem Frühmittelalter. Zum Unesco-Welterbe gehört das Kloster, weil es ein «einzigartiges Zeugnis karolingischer Kunst und Kultur» darstellt. Ausschlaggebend für die Aufnahme ins Welterbe war jedoch der grandiose Freskenzyklus aus den Anfängen des 9. Jahrhunderts. In 134 Einzelbildern zeigen die Wandmalereien Szenen aus der gesamten Heilsgeschichte.

«Gastmahl des Herodes»: ein romanisches Wandbild in der Klosterkirche.

Aber nicht nur Geschichte kann in Müstair, dem östlichsten Ort der Schweiz, erlebt werden, sondern auch die Gegenwart. Die Benediktinerinnen leben auch heute noch täglich das benediktinische «ora et labora et lege» (bete und arbeite und lies). Zum Teil tun sie dies abgeschottet von den Besuchern, teilweise aber auch mit ihnen zusammen. Die Stundengebete etwa halten die Nonnen im Sommer jeweils in der öffentlich zugänglichen Klosterkirche ab.

Unesco-Welterbestätten

Das Unesco-Label «Welterbestätte» erhalten ausschliesslich Kultur- und Naturgüter von «aussergewöhn­lichem universellem Wert». Die Schweiz verfügt über zwölf Unesco-Welt­erbestätten. Sie alle stehen für die bedeutendsten Natur- und Kulturschätze unseres Landes – ein Muss, sie gesehen und erlebt zu haben. Die Coopzeitung stellt in ihrer Sommerserie einige dieser Stätten vor.

Weitere Informationen hier: http://www.whes.ch/