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SERIE ZUM KRIEGSENDE (3)

Bomben auf Friedrichshafen

Über eine Nacht im Keller, Bombendonner in Romanshorn und die von Angst gereizte Stimmung: So erlebte ein Basler Bub den Zweiten Weltkrieg.

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27. April 2020
Alliierte Luftangriffe zerstörten weite Teile der deutschen Stadt Friedrichshafen.

Alliierte Luftangriffe zerstörten weite Teile der deutschen Stadt Friedrichshafen.

Ein Basler Bub erinnert sich

Werner Kopp

In unserer vierteiligen Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren berichtet der damalige Basler «Binggis» Werner Kopp von seinen frühesten Kindheitserinnerungen. Kopp ist heute 80 Jahre alt. Er arbeitete während 34 Jahren für die Versicherung Coop-Leben.

Mitten in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1944 rissen mich die Alarmsirenen aus dem tiefsten Schlaf. Ich war damals knapp vier Jahre alt und mit meinen Eltern in Romanshorn TG, im Haus meiner Grossmutter. Meine Mutter kam ganz verstört in mein Kämmerlein gerannt und zog mir hastig die nötigsten Kleider an. Das machte mich auch ganz nervös, aber sie versuchte mich zu beruhigen: «Wir gehen jetzt alle in den Keller, dort ist auch dein Cousin.»

Im Keller roch es übel nach vergorenem Most. Es war feucht und kalt. Alle waren sie schon beisammen, sassen auf improvisierten Sitzflächen. Für meinen Cousin und mich hatten sie auf dem Tablar einer Apfelhurde eine Art Schlafgelegenheit improvisiert. Ich wollte mich erst nicht zu meinem Cousin legen – der Kerl schlief auch schon. Dann überredeten sie mich doch. Aber ich liess die Erwachsenen nicht aus den Augen. Alle waren ernst und schauten besorgt drein: meine Eltern, meine Grossmutter, mein strenger Onkel Ernst, meine Tanten Lydia und Lisi. «Glaubt ihr, dass der Keller halten würde, wenn …», fragte meine Mutter besorgt.

«Besser als gar nichts», war die Antwort von Onkel Ernst.

Die Grossmutter sass in einem alten, morschen Fauteuil, einem Stück aus der Gerümpelkammer. Sie weinte unaufhörlich und jammerte: «Die arme Lüt, die arme Lüt.»

«Hör auf mit deinem Gejammer», fuhr sie mein Vater an. «Seien wir doch froh, dass der Krieg wohl bald vorbei ist! Und es ist ja nicht das erste Mal, dass die Alliierten Friedrichshafen bombardieren.»

 Bomben fielen auch auf Schaffhausen ..

... und Zürich.

«Sei du doch selber still», herrschte ihn nun mein Onkel an. «Schliesslich trifft es unsere Nachbarn, und denk an die Zivilbevölkerung und erst recht an die armen Kinder!»

Die gereizte Stimmung zeigte, dass auch den Schweizern die Angst im Nacken sass, besonders jenen am Bodensee. Die irrtümlichen Bombardierungen von Schaffhausen vier Wochen zuvor liessen diese Angst immer wieder neu aufleben.

Ein furchtbares Donnern von weit draussen beendete den Streit. Das alte Haus der Grossmutter bebte und vibrierte vernehmlich. Gips- und Staubwölkchen fielen von den Wänden. Ich höre noch heute, wie die Einmachgläser der Tanten mit dem eingelegten Obst hell schepperten.

«Ich lass mir das Maul nicht verbieten!», schrie Vater. «Und überhaupt, ich geh jetzt nach oben. Will sehen, was dort los ist!»

Nun aber geriet meine Mutter aus dem Häuschen und schrie aufgebracht: «Bist du total verrückt, das ist doch viel zu gefährlich! Denk an mich und die Kinder!»

«Lass ihn doch gehen, den sturen Bock!», sagte der Onkel.

Nun heulte ich drauflos und wollte auf Mamis Schoss. Das war aber schwierig, denn sie war zu jener Zeit hochschwanger.

«Ihr solltet mal sehen, wie es draussen zugeht, fast wie ein Augustfeuerwerk.»

 

Bald darauf kam der «sture Bock» wieder in den Keller. Grossmutter heulte noch immer und schnäuzte sich in ihr zerknülltes Taschentuch. «Ihr solltet mal sehen, wie es draussen zugeht, fast wie ein Augustfeuerwerk», meldete der Vater. «Alles hell, wie am Tag, und erst der Lärm der Bomben und der Flieger. Einer ist bestimmt in den Bodensee abgestürzt!»

«Nicht so laut», zischte die Verwandtschaft. «Die Kinder schlafen!»

Was mich anbelangt – ich schlief überhaupt nicht. Zu sehr hatten mich die Nervosität, der Zwist und die spürbare Angst der Erwachsenen angesteckt.

Irgend einmal ertönten die Sirenen zum Endalarm. Spürbares Aufatmen im moderigen Keller, und alles Weitere war der erlösende Schlaf.

Wie ich später erfuhr, wurde Friedrichshafen, elf Kilometer nördlich von Romanshorn am Nordufer des Bodensees gelegen, in der Zeit vom 21. Juni 1943 bis 25. Februar 1945 elf Mal bombardiert. Grund dafür war die stadteigene Industrie (Zeppelin, Dornier etc.). Der Nachtangriff der englischen Fliegerverbände vom 28. April 1944 war wohl der schlimmste von allen. Systematisch wurden dabei die Wohnviertel der deutschen Stadt mit Brand- und Explosivbomben dem Erdboden gleichgemacht. Hunderte von Toten und verletzten Zivilisten waren das Resultat. Heute ist Friedrichshafen wieder ein schmuckes Städtchen mit gut 60 000 Einwohnern und glänzt mit seinen prächtigen Parkanlagen. Wer denkt heute noch an das Leid von damals? 

Bombardierungen

Schweizer Städte getroffen

84 Menschen starben

Während des Zweiten Weltkriegs bombardierten Flugzeuge der Alliierten mehrmals Schweizer Städte. Dabei kamen insgesamt 84 Menschen ums Leben. Der folgenschwerste Vorfall ereignete sich am 1. April 1944 in Schaffhausen; 40 Menschen starben. Die Bombardierung von Stein am Rhein am 22. Februar 1945 kostete neun Menschenleben. Offiziell wurden diese Bombenabwürfe meist mit Navigationsfehlern begründet. So wollen beispielsweise auch die Piloten der sechs amerikanischen Flugzeuge, die am 4. März 1945 Bomben auf die Landwirtschaftliche Schule Strickhof ZH regnen liessen und dabei fünf Menschenleben auslöschten, die Stadt Zürich mit dem deutschen Pforzheim verwechselt haben (Luftlinie: 170 Kilometer).