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Die Welt steht Kopf

Es ist ein Anachronismus, was sich die Bündner auf dem Berninapass erlauben. Doch genau das ist das Faszinierende an der «Camera obscura» im neuen Unterhaltsstützpunkt.

FOTOS
Yannick Andrea
11. Mai 2020
Die «Camera obscura»  spiegelt die Aussenwelt und lässt  die Landschaft kopfstehend  und seitenverkehrt erscheinen.

Die «Camera obscura» spiegelt die Aussenwelt und lässt die Landschaft kopfstehend und seitenverkehrt erscheinen.

Ausflugsziele

In den Alpen

Pässe sind Übergänge von einem Tal ins nächste. Aber nicht nur. Auf so manchem Pass lohnt es sich, anzuhalten und sich umzusehen.

Brünig: Unterirdische Schiessanlage
Auf dem Brünig, der Obwalden und Bern verbindet, befindet sich das schweizerische Kompetenzzentrum Schiessen. Profis, Jäger, Sport- und Freizeitschützen finden hier eine witterungsunabhängige Trainingsumgebung. Nicht-Schützen können eine geführte Besichtigung durch die Anlage buchen (bis max. 30 Personen pro Gruppe/60 Minuten).

Grosser Sankt Bernhard VS: Hundezucht
Im Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard hielten die Mönche ab der Mitte des 17. Jahrhunderts grosse Berghunde als Wächter und Begleiter. Sie wurden auch eingesetzt, um Reisende zu begleiten und Verirrte zu finden und zu retten. Heute ist die Hauptzuchtstätte in Martigny VS. Im Sommer halten sich jedoch immer einige Hunde auf dem Pass auf.

Nufenen: Mineralienmuseum Grotta Cioss Prato
Im Weiler Cioss Prato TI im Val Bedretto, einige Kilometer vor der Passhöhe auf Tessiner Seite, befindet sich das Mineralienmuseum «Grotta Cioss Prato». Der Strahler Gilberto Leonardi hat über ein Dutzend alpine «Klüfte» in ein nachgebautes, unterirdisches 
Felsenareal eingebaut. Unbedingt die Öffnungszeiten beachten.

Die meisten erinnern sich beim Begriff «Camera obscura» noch vage an den Schulunterricht: Das ist doch das mit dem auf den Kopf gestellten Bild, das wie das menschliche Auge funktioniert – oder so.

Das ist so weit gar nicht so schlecht. Wie genau und warum die «Camera obscura» funktioniert, erklärt Mario Häfliger (63) auf den Führungen im Unterhaltsstützpunkt am Berninapass aus- führlich. Er hat die Installation zwar weder entwickelt noch gebaut, aber er vermittelt sie mit Begeisterung. Die Idee stammt von den Churer Architekten Valentin Bearth (63), Andrea Deplazes (59) und Daniel Ladner (60). Sie haben den neuen Unterhaltsstützpunkt des Tiefbauamts des Kantons Graubünden auf dem Berninapass gebaut. Dort ist all das untergebracht, was es braucht, um die Passstrasse im Winter offen zu halten: die gewaltigen Schneeschleudern, Werk- zeug und sonstiges Material, Fahrzeuge und so weiter. Ganz wichtig auch: das Silo für 475 Kubikmeter Salz und Kies. Und auf dieses Silo hinauf bauten Bearth und Deplazes in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Guido Baselgia ihre «Camera obscura». Nüchtern betrachtet ist es bloss ein leerer Raum mit weissen Wänden und einem zwei Zentimeter grossen Loch in der Wand. Ist man aber einmal im Raum drin, kann man sich seiner Faszination nicht entziehen.

Neue Art der Wahrnehmung

Ganz langsam nur beginnt sich das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen. Schemenhaft zeichnet sich an der Wand die Landschaft ab: ein Teil des Lago Bianco oben an der Wand, und am Boden unten erkennt man die Gipfel der umliegenden Berge, des Piz Cambrena, des Piz Arlas und weiterer. Mit zunehmender Dauer nimmt das Auge die Schemen immer deutlicher wahr. Das Schwarz-Weiss-Bild bekommt langsam Farbe. Wer Glück hat, sieht sogar eine Bergdohle, wie sie «auf dem Rücken» vorbeifliegt.

«Die Gäste sitzen einfach da und geniessen die Stille.»

Mario Häfliger

«Viele Besucher glauben uns nicht, dass das Licht direkt hineinstrahlt, ohne Linse oder andere technische Hilfsmittel», erzählt Häfliger. Und um den endgültigen Beweis anzutreten, steigt er auf die Leiter und streckt seinen Finger durch das Loch. «In unserer heutigen digitalen Zeit kommt einem die völlig analoge ‹Camera obscura› wieder wie ein Wunder vor. Die Gäste sitzen dann einfach da und geniessen die Stille und das fast ruhende Bild.» Sehen kann man das Bild vor allem bei guten Lichtverhältnissen. Es muss nicht unbedingt wolkenloser blauer Himmel sein, mit Wolken ist es sogar interessanter. Regen ist schlecht, da sieht man kaum etwas.

Spektakuläre Landschaft

Häfliger selber ist, auch wenn sein Name das nicht verrät, ein Engadiner. Heute lebt er im Puschlav, in der Heimat seiner Familie. «Mein Ururgrossvater hat als Säumer mit Pferden Wein über den Berninapass ins Engadin transportiert», erzählt er. Damals gabs auf dem Pass weder Lawinenschutz noch Schneeräumungsfahrzeuge. «Wenn zu viel Schnee lag, konnten die Säumer nicht arbeiten.» Die Wahl der exakten Route überliessen sie ohnehin ihren Pferden: Die wählten intuitiv den lawinensichersten Weg. «Diesen Säumerpfaden entlang hat man später die Pass- strasse gebaut», erzählt Häfliger.

Im runden Turm befindet sich die «Camera obscura».

Im Innern: Die Natur aus unerwarteter Perspektive betrachten.

Die Begeisterung für die Landschaft steckt in seiner DNA. «Der Berninapass ist eine der urchigsten Landschaften.» Dass die Architekten Bearth und Deplazes ausgerechnet hier auf die Idee kamen, eine «Camera obscura» zu bauen, ist kein Zufall. «Die Szenerie ist fantastisch. Eine spektakuläre Landschaft an einem speziellen Ort: geografische Grenze zwischen Engadin und Poschiavo, Sprachgrenze zwischen Romanisch und Italienisch und Wasserscheide zwischen Schwarzem und Adriatischem Meer in einem.» Und mit einem Augenzwinkern: «Da ist es schon entscheidend, wo man Pipi macht.»

Eröffnet wurde die «Camera obscura» im vergangenen Oktober, im Juni sollen – falls dies die Lockerungen der Covid-19-Massnahmen erlauben – die regelmässigen Führungen wieder starten. Der Eintritt kostet fünf Franken. Ist Corona kein Thema? «Je nachdem», sagt Häfliger, «machen wir halt kleinere Gruppen und mehr Führungen. Was solls?» Um den Gästen eine solche Landschaft zu zeigen und zu erklären, nimmt er diesen Mehraufwand in Kauf.

Die «Camera obscura» auf dem Berninapass ist nicht die einzige, aber vermutlich die höchstgelegene begehbare «dunkle Kammer» der Welt. Eine zweite in der Schweiz befindet sich im Neuen Museum Biel. Daneben sind vor allem in Deutschland mehrere «Camerae obscurae» zu finden. 

Gut zu wissen

Ab dem 13. Juni (unbedingt Website konsultieren, ob wirklich offen ist) kann man die «Camera obscura» im Salz- und Kiessilo des Unterhaltsstützpunktes Bernina, 200 Meter vor dem Albergo Ospizio, besuchen (von Norden herkommend); bei gutem Wetter gibt es täglich von 11 bis 14 Uhr geführte Besichtigungen (30 Minuten). Mit dem Zug bis zur Haltestelle Ospizio Bernina und von dort zu Fuss (570 Meter, 53 Höhenmeter, ca. 10 bis 15 Min.). Mit dem Auto: Parkmöglichkeit beim Albergo Ospizio.

Weitere Informationen hier: https://www.camera-obscura.ch/de/