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REPORTAGE

Dating auf Distanz

Die Corona-Krise macht auch Singles zu schaffen. Einige behelfen sich mit Video-Dates. Andere wollen nicht auf körperliche Nähe verzichten.

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Gettyimages
25. Mai 2020
Wer sich treffen will, sollte zwei Meter Abstand halten.

Wer sich treffen will, sollte zwei Meter Abstand halten.

Ein paar Wochen werde sie ja wohl auf Treffen verzichten können, hatte sich Anna Meyer* (33) gedacht, als Corona die Schweiz erreichte. Sie hatte sich in der Isolation eingerichtet und auch ihr Tinder-Profil mit der Information versehen, dass sie vorerst niemanden mehr trifft. «Aber dann hat sich langsam gezeigt, dass es um weit mehr als ein paar Wochen geht», erzählt sie. Als allein lebender Single sei diese Aussicht schrecklich. Den ganzen Tag sitze sie alleine im Homeoffice und auch abends treffe sie niemanden. «Ich hatte zwei Monate lang keinen Körperkontakt.»

Dass dies Singles zu schaffen macht, weiss auch Sexual- und Psychotherapeutin Dania Schiftan: «Berührung ist für Menschen unverzichtbar, das ist erwiesen. Fehlt sie, werden wir unglücklich und auf Dauer krank.» Doch das sei kein Grund, Sicherheitsregeln über Bord zu werfen und sich für Körperkontakt wieder zu Dates zu verabreden. «Aber Singles müssen das ernst nehmen und eine Lösung suchen.» Man solle nach dieser langen Zeit zum Beispiel eine Freundin oder einen Freund aussuchen, den man wieder näher an sich heranlässt. «Eine Kuschelfreundin sozusagen.» Anna Meyer hat einen anderen Weg gewählt. Sie trifft sich wieder mit Männern. «Ich bin jung, gesund und habe zurzeit keinen Kontakt zu älteren oder kranken Menschen», sagt sie.

«Ohne Berührung werden wir unglücklich.»

Dania Schiftan, Therapeutin

«Lieber riskiere ich eine Ansteckung, als länger einsam und ohne Körperkontakt zu Hause zu sitzen.» Vorsichtig sei sie trotzdem. So frage sie einen Mann etwa, ob er zurzeit noch andere Menschen trifft, ehe sie ihm auch körperlich näher kommt. Prompt musste einer ihr gestehen, dass er vor zwei Wochen mit einer anderen Frau geschlafen habe. «Es ist schon unangenehm, solche Fragen zu stellen, wenn man jemanden frisch kennt. Sonst sind diese in der Kennenlernzeit eher tabu. Aber im Moment führt kein Weg daran vorbei», sagt sie.

Zwei Jahre aussetzen?

Dabei sind die Regeln des Bundesamts für Gesundheit (BAG) klar: zwei Meter Abstand halten oder zwei Wochen in Quarantäne. Und Schätzungen besagen, dass das zwei Jahre gelten könnte. Für Anna Meyer keine Option: «Ich bin bereits 33 und möchte irgendwann Familie. Ich kann es mir nicht leisten, zwei Jahre lang auszusetzen beim Dating.»

Solche Überlegungen hält Schiftan für gefährlich. «In Corona-Zeiten müssen wir alle lernen, in kürzeren Horizonten zu denken», ist sie überzeugt. «Was brauche ich heute? Nicht: Kann ich zwei Jahre so leben?» Zudem könne man auch jetzt Menschen kennenlernen. Dem Internet sei Dank. Entsprechend ist die Nachfrage bei Datingplattformen durch die Corona-Krise in die Höhe geschnellt. Viele Anbieter haben sich nun spezielle Angebote ausgedacht. The Casual Lounge etwa bietet zurzeit Rabatt. Bei Parship und Elite Partner sind neu auch Video-Dates möglich. Tinder möchte diese Funktion ebenfalls noch dieses Jahr einführen.

Video-Dates bietet auch Be My Quarantine an. «Eigentlich errichteten wir diese Datingplattform für unser Umfeld», erzählt Dino Darmonski (29), der sie zusammen mit zwei Freundinnen kreiert hat. «Wir haben uns beim gemeinsamen Abendessen gefragt, wie Singles wohl mit der aktuellen Situation umgehen.» So seien sie auf die Idee gekommen, für Freunde und Freundinnen Video-Verabredungen zu organisieren.

Viele Datingplattformen setzen jetzt auf Video-Verabredungen.

Sie richteten eine Webseite ein, die auch einen Fragebogen enthält, der dabei helfen soll, passende Kombinationen auszumachen. Was magst du nicht an dir? Begrenzung der Einwanderung oder Erhalt der bilateralen Verträge mit der EU? Was wäre der Titel deiner Autobiografie? Deuten die Antworten zweier Personen darauf hin, dass sie zusammenpassen, erhalten sie einen Termin samt Link zu ihrem Video-Date. Den Link zu ihrer Webseite teilten die Macher von Be My Quarantine auch auf den sozialen Medien. Plötzlich hatten sie statt ein paar Bekannten 4000 Menschen, für die sie ein Video-Date organisieren sollten. «Wir hätten nie gedacht, dass das so gross wird», sagt Darmonski. Mittlerweile bearbeiten 15 Personen die Anmeldungen. Einen ersten Erfolg gebe es auch zu feiern: «Mindestens ein offizielles Paar hat durch Be My Quarantine schon zusammengefunden. Von vielen anderen wissen wir zumindest, dass sie weiter Kontakt halten wollen oder sich zu einem Spaziergang mit zwei Metern Abstand verabredet haben.»

Video statt Fantasiebild

Schiftan findet es gut, dass in Zeiten von Physical Distancing Video-Verabredungen angeboten werden. «Diese ersetzen zwar den direkten Kontakt nicht, sind aber eine gute Alternative zu rein schriftlicher Kommunikation. Denn dabei baut man sich oft ein Fantasiebild des Gegenübers auf, mit dem ein echter Mensch kaum mithalten kann.» Dass sich Singles zurzeit vor allem aufs Netz beschränken, habe auch Vorteile: «Einige Plattformen sind sehr schnelllebig, regen zu vielen Treffen und Sex an. Das versetzt manche in Dauerstress. Jetzt nimmt man sich wieder länger Zeit, jemanden kennenzulernen. Corona entschleunigt also auch das Dating.»

Und wer die Online-Bekanntschaft ins echte Leben überführen will? «Der sollte sich mittelfristig festlegen», so Schiftan. Jetzt sei nicht die Zeit für lose Affären oder One-Night-Stands. «Ehe man sich näher kommt, muss man Fragen zum Umgang mit Corona oder über die Nähe zu anderen Personen stellen, selber ehrlich antworten und sich gegenseitig vertrauen. Das braucht Commitment.» 

* Name geändert