Der Ruf des Blechs | Coopzeitung
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Reportage

Der Ruf des Blechs

Es gibt viele Musikinstrumente. Das in Bern erfundene und gebaute Hang entzieht sich allerdings dieser klassischen Definition. Vielmehr ist es eine Klangskulptur. Und als solche erst noch bespielbar für jedermann.

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Christoph Kaminski
07. Juni 2020

Wenn Felix Rohner sagt, «beim Hang gibt es kein Richtig und Falsch», muss das wie Musik in den Ohren von Tonleitern geplagten Musikschülern klingen. Kann das sein? – Und ob! «Du nimmst es in die Hand und plötzlich passiert etwas. Es entsteht eine Musik, die du nicht festhalten kannst, es entstehen Klanglandschaften», sagt Rohner. Entsprechend spricht der 68-Jährige auch nicht von einem Instrument, sondern von einer Klangskulptur. Und folgerichtig sieht er sich auch nicht als Instrumentenbauer, sondern eher als Klangplastiker. Oder besser gesagt als Klangforscher.

«Die Musik hat uns elektrisiert, und alle Menschen haben sich wogend bewegt.»

 

Alles klar? Falls nicht, ist ein Sprung ins Jahr 1976 angebracht, als der junge Lehrer Felix Rohner sich mit Freunden am Berner Stadtfest vergnügt und plötzlich von einer ihm unbekannten Klangwelt in den Bann gezogen wird: «Da waren so viele Leute, dass wir gar nicht sahen, was passierte. Aber die Musik hat uns elektrisiert, und alle Menschen haben sich wogend bewegt.» Was den jungen Mann und seine Freunde derart packt, ist eine Steelband aus Trinidad, die perkussiv auf gestimmten Spundfässern musiziert. Der Eindruck ist nachhaltig, wie Rohner erklärt: «Am nächsten Tag haben wir uns alte Fässer besorgt und versucht, selber Steelpans zu bauen.»

Offenbarung endet in einer Firma

In der Folge entwickelt sich innert kürzester Zeit eine grosse Steelband-Szene in der Schweiz. Und Felix Rohner wird einer der führenden Köpfe. Er sagt seinem angestammten Beruf Adieu und eröffnet eine Steelpan-Manufaktur. Dort stellt er mit Freunden Steelpans her. Vor allem der komplexe Stimmprozess mit dem Hammer fasziniert ihn. Bald gesellt sich Sabina Schärer (48) an seine Seite. Die beiden tüfteln an den Instrumenten, suchen nach Verbesserungen und neuen Wegen und Klangwelten. Sie entwickeln verschiedene Instrumente und experimentieren mit Materialien, etwa einem Verbundstoff, aus dem sie ihre Steelpan-Interpretationen fertigen. Und sie verabschieden sich nach und nach von der Steelband-Szene. Ihre neuen Instrumente tragen Namen wie Ping, Peng, Pong, Pung, Orage oder Tubal.

Nein, das ist nicht die dunkle Seite des Mondes, sondern ein Hang Balu, das zugleich auch  Klangskulptur ist.

Die Experimentierfreude der beiden kennt kaum Grenzen, bis sie an der Musikmesse in Frankfurt (D) ihre neueste Schöpfung, die Hangskulptur, präsentieren. Dieses Instrument schlägt ein. Von da an bauen sie vor allem Hangskulpturen und taufen sogar ihre Firma in «PANArt Hangbau AG». 2020 und rund 8000 gebaute Hangskulpturen später sind sie immer noch unermüdlich am Hämmern. Und nicht nur sie, auch Felix Rohners Söhne Basil (30) und David (27) sind mit von der Partie.

Doch der Erfolg hat seine Schattenseiten, wie Rohner erklärt: «Unsere Klangskulptur wurde kopiert und Nachbauten fluten den Markt.» Doch das Original bleibt unerreicht und so erfolgreich, dass es sogar zum Spekulationsobjekt wird und auf dem freien Markt teurer als zum Neupreis gehandelt wird. Für Rohner und Schärer ein absolutes Unding. Also ziehen sie die Notbremse und stellen den Verkauf über den Fachhandel ein. Ein Hang gibt es jetzt nur noch bei ihnen in Bern, und der Käufer unterschreibt eine Vereinbarung, mit welcher er sich verpflichtet, das Instrument nicht mit Gewinn zu veräussern.

Bis das Hang Balu so klingt wie gewünscht, sind Tausende von Schlägen mit dem Stimmhammer vonnöten.

Das Hang wird nicht einfach gebaut wie ein beliebiges Instrument. Die harmonische Klangwelt muss mittels langwieriger Stimmarbeit aus ihm herausgearbeitet werden. 

Wobei das mit der Herstellung so eine Sache ist. «Es gibt nicht zwei Gleiche», erklärt Rohner. «Jedes Instrument ist ein Einzelstück.» Die Herstellung ist schnell erklärt. Die beiden tiefgezogenen Schalen aus dem eigens patentierten Material werden mit dem Stimmhammer in Form gebracht, bis sie die gewünschte Klangdynamik entwickeln. Dann werden die beiden Hälften zu einem Resonanzkörper vereint. Aber natürlich liegt der Teufel im Detail. In jedes Instrument steckt der Erbauer die Energie von unzähligen Schlägen, bis das Ganze eine klingende Einheit ergibt. Danach muss das Hang in Ruhe reifen. Es wird dabei immer wieder gespielt und feingestimmt.

«Die Türen stehen beim Hang Balu für jeden offen.»

Felix Rohner

Die neueste Entwicklung ist das Hang Balu. Worum geht es da? Auf diese Frage hin ist Felix Rohner kaum zu bremsen: «Es ist ein absolut demokratisches In- strument. Es vereint Rhythmus, Harmonie, Melodie und Bass. Man kann es alleine spielen, aber eigentlich ist es dazu da, um in der Gemeinschaft zu musizieren.» Und in der Tat, um das Hang Balu zu spielen sind keine musikalischen Vorkenntnisse nötig. «Wir stimmen die Hang Balu aufeinander ein», so Rohner. «Man kommt zusammen, nimmt das Instrument auf den Schoss und erkundet es auf intuitive Art und Weise mit der ‹Hang›, also mit der Hand.»

David Rohner ist wie auch sein Bruder Basil in die Fussstapfen des Vaters getreten und kümmert sich mit Hingabe um das Hang.

Und dann sitzen die vier Hang-Spezialisten zusammen und aus dem Gespräch heraus entsteht Musik. Einfach so. Ohne vorgegebene Struktur oder Noten. «Im Gegensatz zu anderen Instrumenten stehen die Türen beim Hang Balu für jeden offen. Jeder kann es ausprobieren und erleben», erklärt der Klangskulpteur. Aber: «Diese Kunstform ist auch eine Herausforderung: Kopf, Herz und Hand kommen ins Spiel und ergeben eine fliessende, pulsierende Musik» Und das, was aus dem Hang Balu rauskommt, klingt in der Tat sehr harmonisch. Dass das Instrument eine Beschäftigung für «gschpürige» Zeitgenossen ist, lässt Rohner aber nicht gelten: «Ich bin kein Esoteriker. Eher sehe ich mich als Wissenschaftler.» Das trifft im weitesten Sinne auf das ganze Team zu. Irgendwie sind alle Klangforscher.